Neuroarthropathie: Unmerkliche Abnutzung von Wirbelsäule und Gelenken
Menschen mit Querschnittlähmung können im Laufe der Jahre eine Neuroarthropathie entwickeln. Eine heimtückische Erkrankung, die sich unmerklich in die Gelenke und die Wirbelsäule einschleicht und Deformationen und Instabilität zur Folge haben kann. Entstehungsursache sind eine gestörte Schmerzwahrnehmung und daraus resultierende mangelnde Haltungsregulierung.

Die Neuroarthropatie (von altgriechisch árthron = Gelenk und páthos = Leiden) wird manchmal auch als „Charcot-Krankheit“ bezeichnet. Namensgebend war der Arzt Jean-Martin Charcot, der 1881 auf einem internationalen Medizinkongress das Krankheitsbild am Fuß eines Diabetikers erstmals beschrieb. Kein Zufall, denn die Charcot-Erkrankung tritt laut „Gesellschaft für Fuß- und Sprunggelenk-Chirurgie“ besonders häufig bei Diabetikern auf.
Deren erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt in vielen Fällen Nerven und Blutgefäße an den Füßen. Dies kann einen Dominoeffekt auslösen:
- Das Schmerzempfinden geht verloren, da die feinen Nervenendungen als Warnsystem ausfallen.
- Dadurch bleiben Verletzungen, ja sogar kleinere Knochenbrüche oder Überlastungen – zum Beispiel durch Fehlbelastungen – unbemerkt.
- Der Fuß wird daher weiterhin „normal“ belastet, was
- zu schweren Deformationen führen kann.
Neuroarthropathie bei Querschnittlähmung
In seltenen Fällen findet der oben beschriebene Domino-Effekt ganz ähnlich auch im Körper von Menschen mit Querschnittlähmung statt. In diesem Falle jedoch nicht unbedingt an den Füßen, sondern an der Wirbelsäule oder anderen Gelenken.

Auch bei ihnen fallen unterhalb der Lähmungshöhe die feinen Nervenendungen als Warnsystem aus. Eine übermäßige Beanspruchung von Wirbelsäule und Gelenken bleibt daher mitunter sehr lange unbemerkt. Es gibt ja keine Schmerzgrenze mehr, die zu einer Änderung des Verhaltens führen könnte. Abnutzung und manchmal sogar die Zerstörung der Gelenke können die Folge sein.
Auch die bei Menschen mit Querschnittlähmung häufig auftretende Osteoporose (siehe dazu auch Osteoporose bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de) spielt in das Szenario hinein. Die Neuroarthropathie steht häufig in Verbindung mit einer Syringomylie. (Siehe dazu auch: Posttraumatische Syringomyelie bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.)
Symptome
Klinische Symptome fehlen am Anfang häufig. Koch und Geng schreiben dazu: „Der Patient wird erst darauf aufmerksam, wenn er bei gewissen Bewegungen ein Knirschen oder Krachen im Körper hört oder wenn eine falsche Beweglichkeit festgestellt wird. Manchmal ist die Sitzbalance gestört. Häufig zeigen sich auch indirekte Zeichen, wie verstärkte oder plötzlich aufgehobene Spastik, Auftreten von autonomen Dysreflexien und sichtbare Deformation der Wirbelsäule.“ (Siehe dazu auch Skoliose bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.)
Regelmäßige Kontrollen beim Arzt und daheim
Um eine beginnende Neuroarthropathie zu erkennen, gibt es zwei Wege, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen.
Eine Möglichkeit sind regelmäßige Röntgenkontrollen vor allem des unteren Endes einer bereits bestehenden Fixation (z.B. der ursprünglichen Wirbelsäulenfraktur). Dabei kann der Arzt Fehlbildungen sicher feststellen.

Die zweite Möglichkeit ist der gute alte kritische Blick in den Spiegel. Dazu Koch und Geng: „Die genaue Beobachtung des eigenen Körpers und die regelmäßige Kontrolle und Korrektur der Sitzposition im Rollstuhl z.B. vor einem Spiegel kann Hinweise auf eine beginnende Deformation der Wirbelsäule oder eine sich verschlechternde Haltung im Rollstuhl geben. Dies ist der Zeitpunkt, um die Sitzposition anzupassen und eventuell mit einer Sitz- oder Rückenschale zu unterstützen.“ (Siehe dazu auch Haltung bewahren mit Sitzschalen – Der-Querschnitt.de)
Auswirkungen auf die Gelenke
Die Betonung liegt auf „regelmäßig“. Denn eine Neuroarthropathie tritt zwar meist erst Jahre nach Beginn der zugrunde liegenden neurologischen Störung auf, so das MSD Manual, sie schreite dann jedoch rasch fort und könne innerhalb von Monaten zur kompletten Desorganisation des betroffenen Gelenks und seiner Umgebung führen. Dazu können u.a. lockere, überbewegliche Bänder gehören oder auch eine Erschlaffung der Muskeln im betroffenen Bereich. Der Gelenkknorpel kann rasch zerstört werden, es kann laut MSD Manual zu Gelenkinstabilität und -dislokation kommen.
Auswirkungen auf die Wirbelsäule
Eine Neuroarthropathie an der Wirbelsäule endet praktisch immer in einer wirbelsäulenchirurgischen Stabilisation. Manchmal, so Koch und Geng, muss der zerstörte Bereich durch Transplantation von Knochen oder Implantation eines Cages (Platzhalters) komplett überbrückt werden. Häufig muss die Wirbelsäule bis zum Becken/Kreuzbein hinunter stabilisiert werden.
Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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