Rainer Küschall: „Man muss die Chancen ergreifen, die einem das Leben bietet!“

Rainer Küschall lebt seit 63 Jahren mit einer Tetraplegie. Der Schweizer Unternehmer, Rollstuhlentwickler, Designer, Athlet und Rennfahrer kann auf ein ungewöhnliches Leben zurückblicken. Und er sieht sich nun einer neuen Herausforderung gegenüber, die noch kaum jemand vor ihm meistern musste: mit einer Tetraplegie alt zu werden.

Hier ist er in seinem Element: Rainer Küschall auf der Rennbahn. Um sein Auto selbst steuern zu können, hat er dafür eine Piff-Paff-Mundschaltung entwickelt.

Im Juli 1963 springt der 16-jährige Rainer Küschall in seinem Heimatort Flims in der Schweiz kopfüber in einen Pool und bricht sich die Halswirbelsäule. Im Krankenhaus legt man ihn auf den Rücken und wartet darauf, dass er stirbt. Ein Priester konvertiert ihn zum katholischen Glauben, um seine Seele zu retten und ihm eine Grabstätte zu sichern. Heute ist Rainer Küschall 79 Jahre alt – und sehr lebendig. Er sitzt am Esstisch seiner großzügigen Wohnung in Basel. Seine hagere Gestalt ist gezeichnet von 63 Jahren als Tetraplegiker, das zerfurchte Gesicht und die grauen Haare lassen sein Alter erahnen. Doch seine Hände sind beim Erzählen ständig in Bewegung, die Augen wach. Wer ihm zuhört, spürt eine Energie, die den Raum füllt. Sein Leben lang hat er gegen alle Prognosen und Wahrscheinlichkeiten gekämpft. Und nicht nur das. „Ich habe 80 Prozent meiner Lebensträume erfüllt“, sagt Küschall. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Zwei Jahre im Bett – und doch auf Weltreise

Küschall gehört zu einer Generation von Tetraplegikern, für die das Überleben alles andere als selbstverständlich war. In den 1960er Jahren fehlten Operationstechniken, Reha-Möglichkeiten, Nachsorge. Viele starben nach wenigen Monaten. Nicht Küschall. Er überlebt und liegt zwei Jahre lang bewegungslos im Bett, den Kopf anfangs in überstreckter Haltung fixiert. Da er monatelang nur an die Zimmerdecke schauen kann, lässt er sich dort eine Weltkarte aufhängen. In Gedanken reist er um die ganze Welt, nach Kuba, in die USA, nach Singapur. „Das hielt mich am Leben.“ Eine Vorstellung, die später gleich in zweifacher Weise Realität werden wird: Der Sport und schließlich sein Unternehmen, die Küschall AG, sollten den lebenshungrigen Schweizer in die weite Welt bringen.

„Die Frage, wie ein gutes Leben im Alter mit hohem Unterstützungsbedarf aussehen kann, ist noch weitgehend unbeantwortet.“ Rainer Küschall

Mobilität als Lebensthema

Ob Tischtennis, Rollstuhlrennen oder Motorsport: Der Wettkampf war
für Rainer Küschall immer ein Lebenselixier, der Erfolg beflügelte ihn.
Im Motorsport konkurrierte er sogar mit Fußgängern.

Die Mobilität wird zum zentralen Lebensthema des jungen Mannes. Als er doch noch die Chance für eine Reha im Stoke Mandeville Hospital bei Oxford erhält, entdeckt er dort den Rollstuhlsport: zunächst Tischtennis, später dann Rollstuhlrennen. Er trainiert hart, nimmt bald an Wettkämpfen teil, gewinnt 21 paralympische Medaillen und unzählige Weltmeisterschaften.

„Der Sport war für mich die einzige Möglichkeit, betreut aus meiner engen Welt herauszukommen“, erinnert sich Küschall. Er knüpft auf der ganzen Welt Kontakte, gewinnt Selbstvertrauen, hat ein Ziel. Aus dieser Erfahrung heraus beginnt Küschall, Rollstühle neu zu denken. Er stellt einen Rollstuhl auf seinen Esstisch und betrachtet ihn drei Wochen lang. Was macht einen guten Rollstuhl aus? Ist es das Material? Die Konstruktion? Die Funktionalität? Seine Antworten verändern den Alltag vieler Nutzenden. Die Rollstühle, die Küschall entwirft, sind visionär: leichter, flexibler, funktionaler und auch ästhetischer als alle Modelle, die es bis dahin gibt. 1976 gründet er die Küschall AG.

Sein Modell „Champion 3000“ wird zum Designklassiker und sogar im Museum of Modern Arts in New York ausgestellt. Sein Ziel: mehr Mobilität, mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit für alle, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Unabhängigkeit – und ihre Grenzen im Alter

Diese Unabhängigkeit findet Küschall auch bei seiner jüngsten Leidenschaft: dem Motorsport. Seit 2002 hat er als einziger Tetraplegiker in der Schweiz eine Rennlizenz und nimmt regelmäßig an Autorennen teil. Wenn er darüber spricht, gerät er ins Schwärmen: „Ich könnte eine ganze Stunde lang über eine einzige Kurve reden!“ Sein Rennauto steuert er mit Handkontrolle und mit dem Mund – durch eine besondere Vorrichtung, die er durch Blasen und Saugen bedient. Er hat diese „Piff-Paff- Mundschaltung“, wie er sie nennt, selbst entwickelt. Hier auf der Rennstrecke entscheidet Küschall selbst über Tempo, Richtung und Ziel. „Es ist der einzige Ort in meinem Leben, wo ich das Wann, das Wie und das Wo selbst bestimmen kann“, sagt er. „Für mich die absolute Freiheit.“

Doch er merkt, dass er älter wird. Autorennen fährt er nur noch zum Spaß, der Aufwand ist zu groß geworden. Er trainiert seine verbliebene Muskulatur noch immer täglich, soweit der Körper es zulässt. Seine Schultern – über Jahrzehnte extrem belastet – sind weiterhin stark, doch die Kräfte lassen nach. Er spürt, dass seine Bewegungen unsicherer, alltägliche Routinen brüchig werden. Kürzlich blieb er beim Aussteigen aus dem Auto auf der Schwelle sitzen und konnte sich nicht mehr selbst befreien. Er erzählt es beiläufig, als könne er es selbst nicht so ganz verstehen, warum ihm der Transfer plötzlich nicht mehr gelingt.

Die Welt schrumpft

Was für viele ältere Menschen gilt, verschärft sich mit einer Querschnittlähmung: Der Körper verschleißt stärker. Jahrzehntelange Überlastung einzelner Muskelgruppen fordert ihren Tribut. Der Verlust von Kraft bedeutet nicht nur Einschränkung – er bedroht auch die Grundlage von Autonomie. „Das Schlimmste sind die körperlichen Veränderungen, auf die ich keinen Einfluss habe“, gesteht Küschall. Auch der ebensradius verändert sich. Spontane Ausfahrten werden seltener, Wege kürzer, Planungen aufwendiger. Küschall spürt, wie seine Welt kleiner wird. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von anderen. Seit 30 Jahren lebt er mit seiner Partnerin Fernanda zusammen, die beiden organisieren ihren Alltag bisher ohne fremde Hilfe. Eine verlässliche, qualitative Versorgung zu finden, sei selbst in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz schwierig geworden, so Kürschall. Hier zeigt sich ein strukturelles Problem: Die Medizin hat die Lebenserwartung von Menschen mit Querschnittlähmung deutlich erhöht. Doch gesellschaftliche und pflegerische Strukturen hinken hinterher. Die Frage, wie ein gutes Leben im Alter mit hohem Unterstützungsbedarf aussehen kann, ist noch weitgehend unbeantwortet.

Viele Ideen für ungelöste Probleme

Küschall wird auch im Alter erneut zum Pionier, der Neuland betritt. Er entwickelt weiter Produkte wie das Zuggerät PAWS, das aus einem manuellen Rollstuhl einen E-Rolli macht und damit den Nutzenden eine bisher unbekannte mobile Freiheit bietet. Mobilität bleibt sein Thema – auch wenn ihm die Energie für größere Projekte fehlt. Trotzdem hat er noch viele Ideen: Ein modulares Krankenhaus zum Beispiel, um das Infektionsrisiko mit Krankenhauskeimen zu verringern. Oder Ideen für die Landwirtschaft, damit „eine Tomate endlich wieder nach etwas schmeckt“. Überall warten Probleme darauf, gelöst zu werden. „Alles Leben ist Problemlösen“, hat der Philosoph Karl Popper einmal gesagt. Es scheint Rainer Küschalls Lebensmotto zu sein.

Zwischen Erschöpfung und Dankbarkeit

„Das Älterwerden mit Querschnittlähmung ist kein rein medizinisches Thema. Es berührt die Fragen von Autonomie, Würde, Abhängigkeit und Sinn.“

Der 79-Jährige spricht offen über die Müdigkeit, die seine Lebensenergie immer wieder bremst. Über das Gefühl, dass ein „Gang gegen das Ende“ begonnen hat. Und über die Frage, wie lange er den körperlichen Verfall ertragen möchte. Er wünscht sich, eines Tages ohne Schmerzen sterben zu können. Gleichzeitig
ist da eine große Dankbarkeit. Jeden Morgen macht er sich bewusst, „dass jeder neue Tag ein Geschenk ist“. Sein Blick richtet sich nun stärker nach innen: Er sucht das Schöne im Alltag, in kleinen Momenten, im Denken. Die Fähigkeit, mit sich selbst zu sein, wird wieder wichtig – so wie damals, als er im Krankenhaus an die Zimmerdecke blickte.

Suchen und lernen

Jeder Mensch hat ein Talent – und die Aufgabe, es zu nutzen. Davon ist Küschall überzeugt. Sein eigenes Leben ist der Beweis: Aus einer scheinbar aussichtslosen Situation hat er ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben geformt. Das Alter fordert ihn nun von Neuem heraus. Küschall beschäftigt sich viel mit der Frage nach dem Sinn. Nicht mehr im Modus des Machens, sondern des Annehmens. „Ich bin kein gläubiger Mensch“, sagt er. Und doch fühlt er sich durch eine undefinierbare Energie mit dem Kosmos verbunden. Buddha ist ihm ein Vorbild in seinem lebenslangen Suchen und Lernen „bis zum letzten Atemzug“. Küschall hat in seinem Leben viel erreicht, doch lernen, das will er immer noch.

Würdevoll alt werden können

Heute haben Menschen mit einer Querschnittlähmung eine deutlich höhere Lebenserwartung, als sie Rainer Küschall damals zu erwarten hatte. Doch damit rücken neue Fragen in den Vordergrund: Wie altert ein Körper, der jahrzehntelang unter Extrembedingungen funktioniert hat? Wie lassen sich Pflege, Selbstbestimmung und Lebensqualität sichern? Das Älterwerden mit Querschnittlähmung ist kein rein medizinisches Thema. Es berührt die Fragen von Autonomie, Würde, Abhängigkeit und Sinn. Rainer Küschalls Leben zeigt beides: die Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens trotz schwerster Einschränkung – und die Grenzen, die das Alter setzt. Oder, wie er es mit seinen eigenen Worten sagt: „Man muss die Chancen ergreifen, die einem das Leben bietet.“


Der Text von Eva Mündlein wurde in Ausgabe 2/2026 der Zeitschrift „Der Paraplegiker“, dem Mitgliedermagazin der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V., erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.


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