Gelesen: „Rollstuhlfahren für Anfänger“ von Christian Wagner

Was gibt es über das Rollstuhlfahren schon groß zu sagen? Jede Menge! Blogger Christian Wagner hat über das Thema ein über 550 Seiten starkes „Grundlagenwerk“ geschrieben. Gedacht vor allem für Menschen, die neu im Rollstuhl unterwegs sind. Aber auch alte Hasen dürften darin noch den einen oder anderen hilfreichen Tipp entdecken. Mit leichter Feder, viel Humor, aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit vermittelt er seinen Lesern „Rollstuhlfahren für Anfänger“.

Der Anfang im Rollstuhl ist nicht immer leicht, manchmal aber durchaus lustig.

Wagner schreibt pointiert und hat zusätzlich sein Buch sehr leserfreundlich in kurze Kapitel gegliedert. Es macht Spaß, darin zu lesen. Der Autor weiß, wovon er spricht: Seit 2012 ist er aufgrund massiver neuro-orthopädischer Probleme bei Strecken von mehr als 30 Metern auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch auch Menschen, die beispielsweise infolge einer kompletten Querschnittlähmung den Rollstuhl dauerhaft nutzen, werden sich in vielen der sehr persönlichen Schilderungen wiederfinden.

Keine Liebe auf den ersten Blick

Der erste Tag im Rollstuhl – für Wagner war es keine Liebe auf den ersten Blick. Sehr ehrlich schildert er seine Gefühle und Ressentiments. Genauso wie die Angst vor den Reaktionen seines Umfelds, vor dem Moment, wenn Freunde und Kollegen ihn zum ersten Mal im Rollstuhl und nicht mehr auf eigenen Beinen sehen.

Heute betrachtet er das Hilfsmittel mit anderen Augen: als etwas, das ihm ermöglicht, all das zu tun, was ohne Rollstuhl nicht mehr möglich wäre. „Ein Rollstuhl ist kein Feind. Und er ist auch nichts Schlechtes. Er ist ein Hilfsmittel. Und genau das wird er tun – dir helfen.“

„Hey: Das ist normal.“

„Rollstuhlfahren für Anfänger“ setzt wirklich am Anfang an. „Du beginnst, Dinge wahrzunehmen, über die du früher nicht nachgedacht hast: Wie hoch Bordsteine wirklich sind, wie schwer Türen sein können und wie viele Menschen nicht wissen, wohin mit ihrem Blick“, schreibt Wager. „Aber hey: Das ist normal“.

Autor Christian Wagner

Was alles normal ist und was man als Rollstuhl-Nutzer so alles tun kann, damit das Leben im Rollstuhl recht bald normal und entspannt wird, schildert Wagner anschließend in lockerer Weise.  

Wie bereitet man sich auf die erste Ausfahrt vor (sofern das nicht ohnehin schon in der Reha trainiert wurde)? Allein dazu hat er unzählige kleine, aus dem Leben gegriffene Tipps und Tricks parat.

Tipps aus dem Alltag

Im Rollstuhl sollte man öfter mal die Straßenseite wechseln, empfiehlt er Anfängern. Denn jeder Gehweg habe hierzulande ein leichtes Seitengefälle, damit der Regen auf die Straße abfließen kann. Für Menschen in einem manuellen Rollstuhl bedeute das stete einseitige Belastung, weil sie permanent die Fahrtrichtung korrigieren müssen. Oder Zweifel an der eigenen Rollstuhlbeherrschung: Warum zieht der heute immer nach links?

Er skizziert einfache Übungsmöglichkeiten: Ein Kreidekreis am Boden, mit dessen Hilfe man Kurvenfahren üben kann. Ein einfacher Kreidestrich auf einem Parkplatz, um den Bremsweg mit Rollstuhl kennenzulernen. (Wer fit im Rollstuhl werden will, hat dazu unter anderem in der Manfred-Sauer-Stiftung die Möglichkeit, siehe: Körperbewusstsein – Manfred Sauer.)

Und er nimmt manchen Alltagssituationen ihren Schrecken. Angst vor Supermärkten, in denen es keine Einkaufwagen für Rollstuhlfahrer gibt? Sein Tipp: Am besten das Fahren mit dem Einkaufswagen vorab trainieren. Aber nicht im Getümmel, wenn alle ihren Wocheneinkauf machen, sondern beispielsweise sonntags auf einem leeren Supermarkt-Parkplatz. Wenn man keinen stört und keiner zuschaut. (Rollstuhlgerechte Einkaufswagen werden hier vorgestellt: Einkaufs-Wunsch-Liste: Diese sieben Punkte machen Supermärkte rollstuhlgerecht – Der-Querschnitt.de)

Ein paar Worte an die Begleitpersonen

Ein eigenes Kapitel hat Wagner den Begleitpersonen gewidmet: Wie schiebe ich richtig? Wie biete ich Hilfe an. Was darf ich auf gar keinen Fall tun? Zum Beispiel niemals ohne Vorwarnung den Rollstuhl nach hinten kippen. Immer vorher reden.

Überhaupt: Kommunikation ist Pflicht bei Wagner. Gerade auch im Umgang mit der neuen Situation. Denn nicht nur man selbst, sondern auch Ehefrau, Ehemann, Freunde und Kollegen müssen erst lernen, damit umzugehen, dass XY jetzt plötzlich im Rollstuhl unterwegs ist. Wagners Erfahrung: Dank Rollstuhl haben sich viele Beziehungen vertieft. Und andere – gibt es nicht mehr.

Passendes für unangenehme Situationen

Außerdem bereitet er seine Leser auf Situationen vor, die ihnen unangenehm sein könnten. Blicke von Passanten. Menschen, die verschämt wegschauen. Neugierige Fragen von Nachbarn, Menschen, die einem – gerne auch einmal ungefragt – ihre Hilfe aufdrängen … (Siehe dazu unter anderem auch: Meine Querschnittlähmung und ich: Hilfe! Zu viel Hilfsbereitschaft! – Der-Querschnitt.de)

Wagner liefert kein Patentrezept für eine adäquate Reaktion, aber er erzählt, was er wann sagt oder eben nicht sagt. Seine Sache – er ist niemandem eine Rechtfertigung schuldig. 

Akzeptanz

Immer mal wieder streut er Sätze ein, stark wie Affirmationen: „Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein.“ – „Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Selbstfürsorge.“ – aber auch: „Liebevoll Nein zu sagen ist kein Angriff. Es ist Selbstfürsorge.“

Akzeptanz ist für Wagner ein zentrales Thema.

„Man entscheidet sich nicht eines Morgens beim Zähneputzen für Akzeptanz, nickt entschlossen in den Spiegel – und zack: Eine gute Fee kommt vorbei, wedelt mit Zauberstaub, und alles ist gut. Akzeptanz ist kein Schalter. Sie ist ein Prozess.“

Bei dem bei ihm nach sehr langem Sträuben auch eine Psychotherapie gehört. Diesen Findungsprozess beschreibt Wagner sehr lustig und nimmt seiner Scheu so die Schärfe. (Zu diesem wichtigen Aspekt gibt es auf Der-Querschnitt.de einige Beiträge, unter anderem: Psychotherapie bei Querschnittlähmung: Darauf kommt es an – Der-Querschnitt.de, Psychologische Aspekte bei Querschnittlähmung: „Viele Männer weigern sich, Schwäche zu zeigen.“ – Der-Querschnitt.de oder Leben mit Querschnittlähmung: „Jahre nach dem Unfall hat mir eine Psychotherapie geholfen“ – Der-Querschnitt.de).

Zur Akzeptanz gehört aber auch ein liebevoller, respektvoller Umgang – auch mit sich selbst, worauf er immer wieder hinweist. Diese annehmende, versöhnliche Haltung zieht sich als ernster Grundton durch das ansonsten sehr launige Buch.

Viel Persönliches und Fakten

Wagner bietet sehr viele praxisnahe Tipps für Anfänger und alte Hasen im Rollstuhl, die jedoch vermutlich aufgrund unterschiedlicher Mobilitätsfähigkeiten nicht immer für jeden Menschen mit Querschnittlähmung geeignet sein dürften.

Daneben hat er auch zahlreiche Hardfacts zusammengestellt. Zum Beispiel gibt er einen Überblick über Rollstuhlarten und Zusatzantriebe. Er spricht über die richtige Anwendung einer Schmerzskala beim Arztgespräch. Über barrierefreien Wohnraum oder auch über zahlreiche andere rechtliche und bürokratische Aspekte, mit denen man in einem Leben im Rollstuhl nahezu zwangsläufig irgendwann einmal konfrontiert sein dürfte. Und und und. Ein Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen rundet das Angebot ab.

Wer mehr vom Autor lesen will, kann auf seinem Internetauftritt stöbern (externer Link): RfA – Rollstuhl & Behinderung: Wissenswertes. Dort gibt es neben Texten auch zahlreiche Videos zu entdecken. Außerdem ist er auch auf Instagram (rollstuhlfahrenfueranfaenger, externer Link) und Facebook (Rollstuhlfahren für Anfänger, externer Link) aktiv.

Christian Wagner, „Rollstuhlfahren für Anfänger. Ein ehrlicher Einstieg in einen neuen Alltag“ ist im Selbstverlag erschienen.

ISBN-10: 3695711957
ISBN-13 978-3695711956

Taschenbuch, 572 Seiten

Preis: 19,99 Euro.