Leben mit Querschnittlähmung: „Heute bin ich der, der es geschafft hat, damit klarzukommen.“

Manchmal fühlt Peter van den Bruck sich, als ob er mit seinem Rollstuhl auf einer Berg- und Talbahn unterwegs ist. Mal geht es rauf, mal wieder runter. Im Moment ist sein Leben wieder auf Talfahrt. Von den negativen Begleitumständen und Gefühlen will der 61-Jährige sich aber nicht mitreißen lassen. Er setzt ihnen Aktivität und Engagement entgegen.

Peter van den Bruck vor seinem Schreibtisch. Den Slogan auf seinem T-Shirt hat er selbst entwickelt.

Sein Leben mit Querschnittlähmung begann am 4. September 2021. Damals stürzte er in Ligurien von der Terrasse seines Ferienhäuschens, die sich wegen der Hanglage mehrere Meter über dem Boden befand. Zwei Tage später erwachte er auf der Intensivstation einer italienischen Spezialklinik aus dem künstlichen Koma, fortan ab Th3 querschnittgelähmt. „Eigentlich bin ich ein halber Tetra, weil auch das linke Handgelenk kaputt ist“, sagt er im Telefon-Interview.

Ab nun war alles anders

Es war die Corona-Zeit. Seine damalige Freundin besuchte ihn bis zu ihrer Heimfahrt jeden Tag ab 15 Uhr für genau eine halbe Stunde – und schöpfte damit die pandemiebedingt kurze erlaubte Besuchszeit voll aus. „Am Ende ihres letzten Besuches teilte sie mir mit, dass sie sich eine Fortsetzung der Beziehung unter diesen Umständen nicht vorstellen könne“, erzählt van den Bruck. Zu dem Zeitpunkt waren die Pläne für das gemeinsame Haus fertig, das Grundstück gekauft, die Verträge unterschrieben.

Ein Freund kam aus Frankfurt und stand van den Bruck bis zum Heimtransport bei. Er begleitete ihn auch noch monatelang während der Rehabilitation. Irgendwann fehlte auch ihm die Kraft dazu. Er zog sich zurück.

„Das erste halbe Jahr war die Hölle“

Van den Bruck musste sich mit seinem Leben mit Querschnittlähmung arrangieren. Er suchte sich eine neue Wohnung, da seine alte Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses ohne Aufzug war. Unterstützung fand er bei seinem Bruder, der allerdings weit entfernt wohnt. Und bei Freunden, die er jedoch nicht überstrapazieren wollte.

Seine Kinder mussten ihr eigenes Leben leben, und „meine beiden geschiedenen Frauen fühlen sich verständlicherweise nicht mehr zuständig. Kurzum: Das erste halbe Jahr war die Hölle. Gefühlt vollkommen alleine auf mich selbst gestellt, nur von einem Pflegedienst morgens für eine halbe Stunde betreut, fiel ich von einer Krise in die nächste“, sagt van den Bruck. Er entwickelt eine „mindestens mittelschwere Depression“.

Bei jeder Komplikation „hier“ gerufen

Und dann begann die Sache mit den ewigen Komplikationen – etwas, das vermutlich viele Menschen kenne, die ein Leben mit Querschnittlähmung führen. Hier ein Dekubitus, da diverse Probleme mit dem Darm oder mit der Blase, Dauerschmerzen, eine Beinverknöcherung, immer wieder chirurgische Eingriffe. Gerade hat er wieder eine Operation hinter sich gebracht. Der zweite Stomaprolaps. Das Stück Darm, das für sein Stoma verwendet wurde, war erneut aus der Bauchdecke herausgetreten. (Siehe dazu auch den Beitrag (Entero-)Stomaanlage – Operatives Vorgehen zum Darmmanagement – Der-Querschnitt.de)

Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück

Van den Bruck nahm auch diese Herausforderung an. So gelassen wie irgend möglich.  „Das belastet mich natürlich schon ganz schön. Vor allem, weil mir niemand sagen kann, ob es diesmal klappt. Das ist schon ziemlich frustrierend“, erzählt er im Telefon-Interview. „Ich habe bisher wirklich bei jeder möglichen Komplikation „hier“ gerufen. Aber andererseits: Ich bin einer, der nie aufgibt.“

Van den Bruck sammelt Momente, die sein Leben bereichern.

Eine gute ehemalige Arbeitskollegin habe einmal zu ihm gesagt: „Du bist ein Stehauf-Männchen. Ich mache mir keine Sorgen um dich!“ Eine Einschätzung, in der van den Bruck sich wiederfindet: „Zwei Schritte vor, einen zurück – so kämpfte ich mich zurück ins Leben“.

Punkte, die sein Leben reicher machen

In einem Text, den er an Der-Querschnitt.de schickte, hat van den Bruck – beinahe wie in einem Gedicht – die wichtigsten Stepps aufgezählt, die ihn nach Eintritt der Querschnittlähmung zurück ins Leben gebracht haben. Hier die Zusammenfassung:

  • Irgendwann zahlte die störrische Unfallversicherung nach Einschaltung einer spezialisierten Anwaltskanzlei doch. Das „schenkte mir zunächst meine finanzielle Unabhängigkeit wieder“.
  • Hanaus Bussystem, ein Rollstuhl-Zuggerät und ein umgebauter Sprinter „schenkten mir in dieser Reihenfolge stufenweise die Freiheit wieder“.
  • „Das Rollstuhltanzen beim RSC Frankfurt schenkte mir die Lebensfreude wieder.“
  • „Die Arbeit an einem Buch schenkte mir das klare Denken wieder.“
  •  Ein Handbike „schenkte mir den Ausdauersport wieder.“
  • „Das großartige Unternehmen der Familie Gunold, bei dem ich bis zu meinem Unfall als angestellter zweiter Geschäftsführer gearbeitet hatte, schenkte mir meine Selbstachtung wieder.“ Dort erledigt van den Bruck, der eine Erwerbsminderungsrente bezieht, im kleinen zeitlichen Rahmen abschluss- und budgettechnische Kernaufgaben. Eigentlich wollte er mittelfristig wieder deutlich mehr arbeiten, aber „ich musste mir eingestehen, dass ich so eine Verantwortung nicht mehr tragen kann.“ Jetzt bleibt es bei den wenigen Stunden am Tag – „das trägt zu meiner Tagesstruktur bei und natürlich auch zu meinem Kontostand“.

In Hinblick auf diese Liste beginnt man zu verstehen, was van den Bruck damit meint, wenn er sagt: „Der Unfall hat mein Leben bereichert. Ich lebe jetzt viel bewusster, ich empfinde viel mehr Freude als vor dem Unfall.“ Mehr noch: „Der Unfall gibt mir fast so etwas wie eine Identität. Heute bin ich der, der es geschafft hat, damit klarzukommen.“

Auf die Haben-Seite einzahlen

Er war schon immer auf der Sinnsuche: „Ich interessiere mich für den Zen-Buddhismus, habe lange meditiert und auf die Erleuchtung gewartet. Aber die kam nie.“ In jungen Jahren hat er ein paar Semester lang Philosophie und Germanistik studiert, landete nach einigen Irrungen und Wirrungen letztendlich aber bei der Betriebswirtschaft.

„Auch da lernt man die Zusammenhänge und begreift, wie die Dinge funktionieren“, sagt er. Und wohl auch, wie wichtig die Struktur ist und das Bemühen, auf die positive, auf die Haben-Seite einzuzahlen. Gegen die dunklen Phasen setzt er seine Projekte, „tatsächlich habe ich oft gar nicht die Zeit, alles zu machen, was ich will.“

Zahlreiche Freizeitaktivitäten

Ein Leben mit Querschnittlähmung, bestimmt von Arbeit und Aktivitäten. Van den Bruck schreibt Bücher, tanzt und macht Musik. „Ich spiele Querflöte. Ich habe schon in der Reha wieder angefangen, die Leute mit meiner Musik zu nerven. Um in einer Band mitzuspielen, fehlt mir aber die Luft, und außerdem sitze ich für längere Auftritte auch zu schräg im Rollstuhl. Aber zum Spaß mache ich das immer noch gerne.“

Neues Hobby: Ein T-Shirt-Shop

Die Zeit sinnvoll und sinnstiftend füllen. Derzeit ist van den Bruck mit einem weiteren Projekt beschäftigt, er hat sich ein neues Hobby zugelegt: Einen Internet-Shop für exklusive Streetwear mit dem Slogan „Philosophie zum Anziehen“. Jede Woche will er dort – zeitlich auf 7 Tage limitiert – ein T-Shirt mit einem Spruch veröffentlichen. Als Goody gibt es passend zum Spruch einen Begleittext dazu. Wer sich das aktuelle Shirt ansehen will, hier ist der Link zum Shop: www.thinkDRESS.shop

Auf der Suche nach einer Partnerin

Und dann gibt es auch noch das Projekt Partnerinnen-Suche. „Mir fehlen die zärtlichen Berührungen. Das soll ja auch sehr gesund sein!“, sagt der 61-Jährige lachend. „Aber bisher hat das nicht geklappt.“ Also muss er auch das akzeptieren: „Ich finde es wichtig, dass ich gut allein leben kann, aber ich empfinde die Partnerlosigkeit schon als Mangel.“ Tipp: Wer aufmerksam in Dating-Apps stöbert, kann den Suchenden vielleicht entdecken.


Am 16.01.2026 kommentierte Leser Felix Esser: „Ein wertvoller Bericht aus einer erfolgreichen Lebenswelt. Danke für den Mut, sich hier so offen zu präsentieren. Das inspiriert bestimmt viele, die auch auf der Suche nach Sinn und ähnlichem sind!“


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