Masturbation: „Eigentherapie“ zur Verbesserung der Blasenfunktion und Spastik?
Kann die Masturbation helfen, Beschwerden im Unterleib – etwa Anzeichen einer beginnenden Blasenentzündung – abzuwenden? Der Tetraplegiker Laurent Bourdin ist davon überzeugt: „Das hört sich vielleicht verrückt an, aber ich spreche aus eigener Erfahrung.“ So abwegig, wie Bourdin meint, ist seine auf den Höhepunkt ausgerichtete Eigentherapie jedoch nicht.

Auch der Neuro-Urologe Dr. Kai Fiebag sieht mögliche Zusammenhänge. Aus seiner klinischen Praxis kennt er zudem einen weiteren positiven Effekt: Ein Orgasmus kann bei querschnittgelähmten Männern und Frauen den spastischen Tonus für Stunden senken.
Bourdin lebt mit einer inkompletten Tetraplegie auf Höhe C4/C5. Für sein Blasenmanagement setzt er unter anderem auf den intermittierenden Katheterismus (siehe Beitrag „Intermittierender Katheterismus: Standards und Hilfsmittel“ auf Der-Querschnitt.de). Zusätzlich hat ihm sein Arzt ein Anticholinergikum verordnet, wie es häufig bei überaktiver Blase eingesetzt wird. Der Wirkstoff entspannt den Blasenmuskel und reduziert so Harndrang, Inkontinenz und erhöhten Blasendruck.
Der Druck verschwindet
Der Tetraplegiker kann seine Blase in der Regel nicht ohne Katheter entleeren. Gelegentlich verspürt er jedoch spontanen Harndrang und starken Blasendruck. „Wenn ich spüre, dass sich spontan Urin bemerkbar macht, stimuliere ich mich (da unten) und erreiche damit die Ejakulation, die ich im Alltäglichen nicht erreiche“, schrieb er via Facebook (externer Link). Eine Situation, die viele Männer mit Querschnittlähmung kennen. Denn bei ihnen ist das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, das für die Ejakulation erforderlich ist, häufig gestört. (Siehe dazu auch Beitrag Sexualität bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de)
Sperma-Stau?
Nach der Selbststimulation kann er sich problemlos katheterisieren; Druckgefühl und die Befürchtung eines spontanen Urinabgangs sind verschwunden. Für ihn ist daher klar: Symptome, die als Anzeichen einer drohenden Harnwegsinfektion gedeutet werden könnten, sind in seinem Fall häufig ein „Stau von Sperma“.
Auf Signale des Körpers achten
Durch achtsames Hören auf die Signale seines Körpers und aktives Gegenarbeiten habe er sich so manchen Besuch beim Arzt, und vielleicht sogar prophylaktische Antibiotika-Gaben, erspart. „Mir hat geholfen, mich zu erkennen und zu erkennen, was noch möglich ist. Ich war mit meiner Sexualität neugierig und habe es einfach in der Anfangsphase meines Lebens als Querschnittgelähmter ausprobiert.“
„Sperma-Stau“ als Ursache für Symptome, die Probleme im Blasen- und Harntrakt hindeuten? Selbstbefriedigung als Prophylaxe, beziehungsweise Therapie? Klingt – um es mit den Worten Bourdins zu sagen – etwas „verrückt“. Ist es aber nicht unbedingt, sagt Dr. Kai Fiebag.
Das sagt der Arzt
Der Querschnitt-Experte ist Leitender Arzt der Neuro-Urologie am BG Klinikum Hamburg. Die Redaktion hat ihn um eine Einschätzung gebeten. Die Frage: Kann Selbstbefriedigung bei der Prävention von Blasenentzündungen oder bei „Pflege“ der Blasen- und Harnwegsregion eine Rolle spielen? Und wenn ja: Welche?
Zu diesem Thema gibt es laut Fiebag zwar „keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse“. Aber „die Eigenbeobachtungen querschnittgelähmter Menschen sind immer hoch interessant, vor allem, wenn die Betroffenen damit gute Erfahrungen gemacht haben…“, schreibt der Arzt in seiner E-Mail-Antwort.
Ejakulation für die „Genitalhygiene“
Einige wenige Publikationen würden zeigen, dass bei Männern durch wiederholte Ejakulationen die Qualität des Ejakulates verbessert werden könne. Außerdem kenne er weitere Erfahrungsberichte einzelner Männer, die „bei gut auslösbarer Ejakulation diese nutzen, um die „Genitalhygiene“ zu verbessern. Sie postulieren, dass durch die regelmäßige Ejakulation weniger Harnwegsinfekte auftreten würden, und es ist medizinisch vorstellbar, dass es diesbezüglich einen Zusammenhang gibt.
Mögliche Keimbesiedlung
Die meisten neurogenen Blasenfunktionsstörungen, so Fiebag weiter, weisen eine erhöhte Reflexaktivität auf, die zu hohen Druckverhältnissen im unteren Harntrakt führt. „Durch die meist simultan bestehende Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie ist nicht nur die Harnblase den erhöhten Druckverhältnissen ausgesetzt, sondern durch sogenannten Influx, also Einströmen, von Urin und Bakterien in die männlichen Keimdrüsen werden auch diese durch die unphysiologische Drucksituation beeinträchtigt. Es kann zu einer Keim-Besiedelung kommen – mit akuten, oder auch chronischen Entzündungsreaktionen.“
Das Problem: Wenn die Fähigkeit zur spontanen oder nächtlichen Ejakulation durch die Querschnittlähmung verloren ging, kommt es zu keiner aktiven Entleerung der Sekrete mehr. Dadurch können unter Umständen „die Entzündungsreaktionen unterhalten werden“.
Erleichterung kann es an unerwarteter Stelle geben: „Stark gefüllte Keimdrüsen können sich mitunter passiv durch harten Stuhlgang oder auch durch den lokalen Druck beim intermittierenden Katheterismus entleeren. Auch dieses beobachten Betroffene häufig“, schreibt Fiebag.
Frauen nicht betroffen
„Bei Frauen ist mir etwas Vergleichbares nicht bekannt und erscheint mir auch unwahrscheinlich, da die Skene-Drüsen kein Bezug zum Harntrakt haben, sondern in der Vulva münden. Die Gynäkologie kennt infizierte Zysten der Skene-Drüsen, die ich allerdings bei querschnittgelähmten Frauen bisher nicht wahrgenommen habe.“ Die Skene-Drüsen gelten als weibliches Pendant zur Prostata. Sie produzieren bei Erregung ein Sekret, das unter anderem bei der Befeuchtung der Vulva eine Rolle spielt.
Körpersekrete sollten immer abfließen können
Grundsätzlich sieht der menschliche Organismus vor, dass Sekrete abfließen müssen, betont der Mediziner. Denn Stase, also Stauungen oder verlangsamter Fluss, könne zu krankhaften Prozessen wie Infektionen oder Entzündungen führen. „Daher versuche ich Männer im Gespräch zu motivieren, zumindest zu überprüfen, ob der Ejakulationsreflex gut auslösbar ist. Sollte dieses der Fall sein, rate ich zu regelmäßigen Ejakulationen.“
Dass auch die Natur dies so vorgesehen habe, zeige sich zum Beispiel in unwillkürlichen (nächtlichen) Samenergüssen. „Bei fehlender sexueller Aktivität oder nach langer sexueller Askese kann es, sofern keine neurogene Sexualfunktionsstörung vorliegt, zu einer nächtlichen Ejakulation kommen, einer sogenannten Pollution.“
Risiko der Autonomen Dysreflexie bei der Ejakulation von Tetraplegikern
Fiebag weist im persönlichen Arzt-Gespräch seine querschnittgelähmten Patienten zwar auf mögliche Vorteile einer gezielt herbeigeführten Ejakulation hin, aber ob sie diesen Ansatz ausprobieren, bleibt ihnen überlassen – zumal die Fähigkeit zur Reflexejakulation nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen gegeben sei. Die Masturbation kommt also ohnehin nicht für jeden Mann in Frage. Bei Männern mit einer Querschnittlähmung in Höhe T6 oder höher muss immer das Risiko der Autonomen Dysreflexie beachtet werden. Hier sollte zunächst ein Beratungsgespräch mit den betreuenden Neuro-Urologen oder Paraplegiologen erfolgen, da eine Blutdrucküberwachung oder die Einnahme von Blutdrucksenkern erforderlich sein kann.
Höhepunkt kann spastischen Tonus senken
Laut Fiebag gibt es noch einen weiteren positiven Effekt von Masturbation: ein sexueller Höhepunkt kann den spastischen Tonus über mehrere Stunden senken – bei querschnittgelähmten Männern ebenso wie bei Frauen.
Masturbation könnte damit eine Therapieoption sein, die einen Versuch wert ist. Vieles deutet darauf hin, so Fiebag, dass im Falle von Herrn Bourdin, die Senkung der Spastik dem berichteten positiven Effekt entspricht. Typisch wäre auch die Wechselbeziehung von dem der Betroffene berichtet. Je höher der spastische Tonus, desto besser lässt sich die reflektorische Ejakulation durch die Stimulation auslösen.
Mehr Forschung gewünscht
Der-Querschnitt.de-Leser Laurent Bourdin weiß aus eigener Erfahrung um die positiven Wirkungen. Aber er wünscht sich zu diesem Thema mehr Forschung: „Ich denke, es müsste mehr geforscht werden über Sexualität bei Querschnittlähmung. Und auch über die Frage, ob hinter manchen Beschwerden mehr dahintersteckt als eine Infektion“.
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