Pulmonale Komplikationen bei Querschnittlähmung verhindern
Die Lebenserwartung von Menschen mit Querschnittlähmung steigt weiterhin an. Dennoch bleiben pulmonale Komplikationen im Lauf des Lebens gehäuft. Sie bilden zudem eine der häufigsten Todesursachen, insbesondere bei Menschen mit Tetraplegie.

Mit Eintritt der Querschnittlähmung wird – abhängig von der Höhe und dem funktionellen Ausmaß – das ideale Verhältnis zwischen der Kraft zu atmen, der Last zu atmen und der Atemregulation empfindlich gestört. Die nachfolgenden Ausführungen und Empfehlungen sind in der aktuellen AWMF-S2k-Leitlinie des Arbeitskreises BeAtmung der DMGP, „Atmung, Atemunterstützung und Beatmung bei akuter und chronischer Querschnittlähmung“, zusammengefasst. Sie basieren auf den jahrelangen Erfahrungen in Querschnittzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Querschnittlähmung und Atmung
Die Kapazität maximal ein- und auszuatmen, ist mit zunehmender Läsionshöhe und der damit verbundenen Lähmung der Atemmuskulatur eingeschränkt (Läsionshöhe oberhalb Th 12). Bei zusätzlich verminderter oder fehlender Zwerchfellfunktion ist selbstständiges Atmen zeitweise oder dauernd nicht mehr möglich (Läsionshöhe oberhalb C4). Die Betroffenen sind auf eine dauernde mechanische Atemunterstützung (Heimventilation) angewiesen.
Die Möglichkeit Sekret abzuhusten, ist eingeschränkt. Sekret bleibt in den Luftwegen liegen, was zu einer verminderten Ventilation einzelner Lungenabschnitte und zum Kollaps von Lungenarealen (Atelektasen), zur Infektanfälligkeit (akute und chronische Bronchitis) und Lungenentzündungen (Pneumonien), teilweise mit Ergussbildung (Pleuraerguss), führen kann. Zu Beginn der Querschnittlähmung kommt es aufgrund der autonomen Dysregulation häufig zu vermehrter Sekretproduktion zusammen mit einer Tendenz zu einer Verengung der Luftwege (sog. Bronchospasmus und bronchiale Hyperreaktivität).
Die zunehmende Tendenz zur Versteifung des Brustkorbes führt zu einer vermehrten Atemarbeit und erhöht die Gefahr eines Versagens der Atempumpe. Medikamente mit zentral wirksamer schmerzlindernder und antispastischer Wirkung beeinflussen die zentrale Regulation der Atmung und können zentrale Atemstörungen bewirken.
Atemstörungen im Schlaf treten bei Menschen mit Querschnittlähmung deutlich häufiger auf. Zunehmendes Alter und eine Gewichtszunahme sind neben der Einschränkung der Atempumpe begünstigende Faktoren. Atemstörungen im Schlaf können die Lebensqualität empfindlich beeinträchtigen (Schläfrigkeit tagsüber, kognitive Einschränkungen).
Die ungleiche Verteilung der Ventilation zur Durchblutung der Lungenbläschen und (sehr häufig) die Behinderung der ebenmäßigen Belüftung der Lungenbläschen bei sekretverstopften Luftwegen vermindern das Atemvermögen, und führen zu einer niedrigen Sauerstoffsättigung.
Episoden mit Atemnot können zu Beginn der Querschnittlähmung beim Aufsitzen aus liegender Position, bei Bauchspastik oder bei zunehmend geblähtem Bauch infolge Verstopfung auftreten.
Typische Komplikationen
A Akute und chronische Bronchitis
Typische Zeichen sind vermehrtes und verfärbtes Bronchialsekret, verstärkter Husten, Atemnot, zunehmende Atemfrequenz verbunden mit Fieber. Neben bakterieller Ursache sind virale Infektionen häufig und bedeutend.
B Pneumonie
Zusätzlich zu den o. g. Symptomen treten Fieber, manchmal schweres Krankheitsgefühl oder ein zunehmendes Organ- und Herzkreislaufversagen (Sepsis) auf. In der radiologischen Untersuchung der Lunge findet sich ein „Schatten“. Gehäuft treten Pneumonien im ersten Jahr nach Querschnittlähmung auf, können aber auch im weiteren Verlauf häufiger auftreten. Als Komplikationen können Pleuraergüsse (Flüssigkeit im Spalt zwischen der Brustwand und der Lunge) entstehen, gelegentlich auch eitrig (dann spricht man vom Pleuraempyem).
C Atelektasen
Dies sind nicht belüftete Lungenareale. Die Lungenbläschen (Alveolen) kollabieren und stehen nicht mehr für die Sauerstoffaufnahme zur Verfügung. Die Folge ist eine abnehmende Sauerstoffsättigung im Blut und eine damit verbundene vermehrte Atemnot. Atelektasen entstehen häufig durch Sekretverlegung und durch die verminderte Kapazität, genügend tief einzuatmen.
D Akutes oder chronisches Atemversagen
Ein Versagen der Atempumpe kann akut, z. B. bei einer Pneumonie, oder langsam fortschreitend, zunächst kaum bemerkbar, auftreten. Das Atemversagen ist gekennzeichnet durch eine Erhöhung des Kohlendioxids im Kapillarblut als Zeichen einer generellen Minderbelüftung der Lunge. In der Folge wird häufig eine vorübergehende oder dauernde mechanische Atemunterstützung notwendig.
E Venöse Thromboembolie und Lungenembolie
Das Risiko ist bei frischer Querschnittlähmung am höchsten, sinkt im Laufe der Dauer der Querschnittlähmung ab, bleibt aber über Jahre leicht erhöht. Eine entsprechende Prophylaxe wird basierend auf etablierten Guidelines durchgeführt.
F Obstruktives und zentrales Schlafapnoesyndrom
Atemstörungen im Schlaf treten bei Menschen mit Querschnittlähmung häufiger auf, führen zu Einschränkungen in der Lebensqualität (Tagessymptome wie Schläfrigkeit, geringere Konzentrationsfähigkeit, verminderte kognitive Funktionen) und können kardiovaskuläre Erkrankungen (Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen) begünstigen.
Komplikationen vermeiden
Diese Maßnahmen haben das Ziel, die Lunge gesund und ein möglichst großes Thorax- und Lungenvolumen zu erhalten:
- Inhalationstherapie
Regelmäßig praktiziert trägt sie dazu bei, die Luftwege optimal offen zu halten und zähes Sekret besser abzuhusten. - Bauchgurt
Ein Bauchgurt in sitzender Position kann die Atmung und das Abhusten von Sekret durch die Verlagerung des Zwerchfelles verbessern. - Atemphysiotherapie
– Mit spezifischen Atemtechniken (in Ruhe und unter Belastung) werden die Thorax- und Lungenkapazität sowie die Thoraxbeweglichkeit erhalten und alle Lungenareale optimal belüftet. Sekretmobilisation und Unterstützung beim effizienten Abhusten von Sekret. Bei vermindertem Hustenstoß ist es notwendig, spezifische und z. T. assistierte Hustentechniken zu erlernen. Auch eine mechanische Hustenhilfe ist denkbar.
– Erlernen und Überwachen eines effizienten Atemmuskeltrainings. Regelmäßiges Training der in- und exspiratorischen Muskulatur hilft, die Einatemkapazität zu erhöhen und den Hustenstoß zu verstärken
– Mit Hilfe der Techniken zur Anhäufelung von Luft wird das Ziel, eine individuell möglichst maximale Einatmungskapazität zu erreichen, angestrebt. Dazu können individuell verschiedene Techniken angewandt werden: Luft anhäufeln mit/ohne Hilfe eines Beatmungsbeutel oder das Erlernen einer Ersatzatmung (glossopharyngeale Atmung/Froschatmung). - CPAP-Therapie und mechanische Atemunterstützung
– Liegt ein Schlafapnoesyndrom vor, ist eine konsequent durchgeführte CPAP-Therapie oft hilfreich, um die Lebensqualität zu verbessern.
– Bei chronischem Atemversagen hilft die meist nächtlich durchgeführte mechanische Atemunterstützung, die Blutgase zu normalisieren, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität deutlich zu verbessern. - Regelmäßiges körperliches Training
Damit werden Atemnotepisoden bei täglichen Aktivitäten vermindert. - Rauchstopp
Der Verzicht auf Nikotin ist ein wesentlicher Pfeiler der Lebensführung von Menschen mit Querschnittlähmung, um pulmonale Komplikationen zu vermindern. - Impfungen
Die Pneumokokkenimpfung und die jährliche Grippeimpfung sind zu empfehlen, um Pneumonien zu vermindern.
Der Text von Dr. Franz Michel wurde in Ausgabe 2/2023 der Zeitschrift „Der Paraplegiker“ erstveröffentlicht. Die Redaktion von Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich für die Zustimmung zur Zweitveröffentlichung.
Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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