Ständig müde? Acht mögliche Gründe bei Querschnittlähmung und was man tun kann

Ständig müde zu sein, ist nicht normal und man muss es auch nicht widerstandslos hinnehmen. Bei Querschnittlähmung gibt es einige Faktoren, die zu bedenken sind.

Eine Studie aus dem Jahr 2019 gibt Hinweise zur Situation bei Querschnittlähmung: 28,4 % der befragten Menschen mit Rückenmarksverletzungen fühlen sich „meistens müde“, 6,4 % „immer müde“ (Bökel et al, 2019).

Für das Gefühl der ständigen Müdigkeit und Erschöpfung kann es verschiedene Ursachen geben, nicht wenige davon können querschnittspezifisch sein. Es ist wichtig sie zu identifizieren, damit eine entsprechende Gegenstrategie entwickelt werden kann.

1. Medikamente

Müdigkeit kann eine Nebenwirkung verschiedener Medikamente sein, die Menschen mit Querschnittlähmung u.U. vermehrt einnehmen. Dazu gehören:

  • Blutdrucksenker, wie Betablocker oder ACE-Hemmer
  • Psychopharmaka, wie Antidepressiva oder Neuroleptika
  • Schmerzmittel
  • Muskelrelaxantien

Wer unter unerklärlicher Müdigkeit leidet, sollte mit einer medizinischen Fachperson besprechen, ob eingenommene Medikament die Ursache sein können und welche Alternativen es gibt.

2. Eingeschränkte Atemfunktion

Wenn die Querschnittlähmung auch die Atemfunktion beeinträchtigt – dies ist oft schon ab einer Lähmungshöhe von Th6 der Fall (siehe: Atemfunktionsstörung) – kann dies aufgrund der verringerten Sauerstoffaufnahme und -versorgung zu Tagesmüdigkeit und Erschöpfung führen.

Betroffene sollte Lungenfunktion, Blutgase, etc. testen lassen und mit dem behandelnden Arzt besprechen, welche Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll sind. Denkbar wären z.B. die Anpassung der Sitzposition, Atemtraining, nächtliche Beatmung, etc.

3. Infekte oder Entzündungen

Akute Infektionen, auch wiederkehrende Harnwegsinfekte, können müde machen. Die Rückenmarksverletzung an sich kann aber ein Auslöser für chronische Entzündungen sein (siehe: Chronische Entzündungen und Querschnittlähmung). Menschen mit Querschnittlähmung, die oft müde sind und chronische Entzündungen als Ursache vermuten, sollten mit dem behandelnden Arzt sprechen und darum bitten erhöhte Biomarker im Blut (C-reaktives Protein (CRP) oder hochsensitives C-reaktives  Protein (hsCRP)) zu bestimmen.

4. Nährstoffmangel

Menschen mit Querschnittlähmung verbrauchen weniger Energie als andere (siehe: Ernährung bei Querschnittlähmung). Die Kalorienaufnahme muss daher begrenzt werden. Wer hier nicht auf eine ausgewogene Ernährung achtet, riskiert einen Nährstoffmangel. Bei Querschnittlähmung (nicht nur in der Akut- sondern auch in der chronischen Phase) sind es häufig die Mikronährstoffe Vitamin D (manchmal auch B12), sowie Eisen und Zink, die fehlen. Als Folge treten Müdigkeit und Erschöpfung auf.

Auch chronische Durchfälle und die Einnahme von Antibiotika, z. B. aufgrund wiederkehrender Harnwegsinfektionen, kann die Aufnahme von Nährstoffen im Darm einschränken.

Wer unter unerklärlicher Müdigkeit leidet, sollte via Bluttest bestimmen lassen ob alle essenziellen Mikronährstoffe vorhanden sind.

5. Hormonelle Situation

Männer mit Querschnittlähmung können einen niedrigeren Testosteronspiegel als gleichaltrige Geschlechtsgenossen haben. Eines der Symptome für zu wenig Testosteron kann Energielosigkeit sein. Bei anhaltender Müdigkeit sollten Männer mit Querschnittlähmung den Testosteronwert checken lassen. Siehe auch: Testosteron und Querschnittlähmung

An dieser Stelle wiederholt sich die Erwähnung des Schlafhormons Melatonin, das den Wach-Schlaf-Rhythmus reguliert, und ist bei Querschnittlähmung häufig reduziert ist, sowie des antidiuretischen Hormons (ADH), das das Durchschlafen durch das eventuelle Bemerken einer vollen Blase erschwert.

6. Physische und psychische Überanstrengung

Sowohl in der Akut- als auch in der chronischen Phase nach Eintritt einer Querschnittlähmung gehört die psychische Verarbeitung des Erlebten und der neuen Lebenssituation für viele Betroffene zu einer der schwersten Aufgaben überhaupt. Vor allem wenn man sich dieser Herausforderung ohne professionelle Hilfe stellen möchte, kann es schnell zu einer Überforderung kommen, was sich in Müdigkeit und Erschöpfung zeigen kann. Hinzu kommt, dass eines der Symptome für manche psychischen Probleme, z.B. für Depression (siehe: Depression und Querschnittlähmung), Müdigkeit sein kann. Die psychische Behandlung sollte unbedingt Teil des Behandlungskonzepts nach Eintritt einer Querschnittlähmung sein.

Häufige Begleiterkrankungen bei Querschnittlähmung sind Spastik und chronisch-neuropathische Schmerzen. Nicht nur die Medikamente, die hier zum Einsatz kommen können (s.o.), können müde machen, sondern auch der Umstand Muskelzuckungen und chronischem Schmerz ausgesetzt zu sein, kann eine große Anstrengung im Leben von Betroffenen bedeuten. Ziel ist es eine geeignete Therapie zu finden – was leichter gesagt als getan ist. Für mögliche Lösungen siehe die Kategorien Schmerz Archive – Der-Querschnitt.de und Skelett & Muskeln Archive – Der-Querschnitt.de

Jenseits von Schmerz und Spastik, kann das Leben mit Querschnittlähmung ein sehr anstrengendes sein. Vor allem Menschen mit inkompletter Querschnittlähmung und/oder erhaltender Gehfähigkeit neigen dazu sich zu überfordern. Auch mit zunehmendem Alter kann es schwerer werden den Alltag zu meistern. Betroffene sollten sich darüber informieren, ob und welche Hilfsmittel es gibt, die ihnen das Leben erleichtern.

Wenn es eine Überanstrengung ist, die die Müdigkeit verursacht, sollte man sich u.U. auch mit dem Krankheitsbild der Fatigue vertraut machen. Siehe auch: Fatigue – Chronische Erschöpfung bei Querschnittlähmung.

7. Kreislaufprobleme

Bei einer Querschnittlähmung kann es nicht selten zu Kreislaufstörungen (siehe: Fünf Kreislaufprobleme, die bei Querschnittlähmung auftreten können) kommen, die wiederum Müdigkeit auslösen können.

Mögliche Zusammenhänge sind:

  • Niedriger Blutdruck (Hypotonie) , besonders beim Aufrichten (orthostatische Dysregulation) und/oder gestörte Gefäßregulation: Die verminderte Durchblutung des Gehirns kann zu Müdigkeit, Schwindel und Benommenheit führen.
  • Durch die eingeschränkte Herzfrequenzanpassung reagiert der Körper weniger flexibel auf Belastung.
  • Allgemein reduzierte Kreislaufstabilität führt schneller zu Erschöpfung.

Wer unter Kreislaufproblemen leidet sollte sich immer bewusst langsam aus der liegenden in die sitzende oder stehende Position aufrichten, um dem Kreislauf Zeit zu geben sich anzupassen. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr kann auch hilfreich sein.

Vorbeugende ist eine einfache und effektive Maßnahme zum Regulieren der Kreislaufsituation das Tragen von Kompressionsstrümpfen (Klasse II–III); bei hohen Lähmungen kann auch eine Bauchbinde (Bauchgurt) sinnvoll sein.  Auch regelmäßige Bewegung im Rahmen der Möglichkeiten, auch passive Mobilisation oder Stehtraining können die Kreislaufregulation langfristig verbessern.

8. Schlafprobleme

Ein großes Problem können Schlafstörungen sein. Die bereits erwähnte Studie führt an, dass für 26 % der Befragten Schlafstörungen ein mäßiges Problem darstellen, für 27,8 % sogar ein „großes/extremes Problem“ (Bökel et al, 2019). Wieso dem so ist, ist nicht abschließend geklärt, doch können z. B. die autonome Dysreflexie, Schmerzen und Spastik, fehlendes Melatonin, Temperaturdysregulation und u.U. auch Dekubitusprophylaxe und Blasenmanagement das Ein- und/oder Durchschlafen erschweren.

Zum kann die Schlafapnoe (siehe: Schlafapnoe bei Querschnittlähmung) dazu führen, dass man zwar ausreichend schläft, der Schlaf aber nicht erholsam ist.

Siehe: Schlafprobleme bei Querschnittlähmung

Sofortmaßnahmen bei akuter Müdigkeit


  • Ein Fenster öffnen.
  • Ein Glas Wasser trinken.
  • Moderate Bewegung, z. B. eine kleine Runde Spazierenfahren.
  • Bei den Mahlzeiten auf angemessene Portionsgrößen achten.
  • Gesicht und Unterarme mit kaltem Wasser benetzen.
  • Eine kleine Menge koffeinhaltiger Getränke (Kaffee, Schwarztee, koffeinhaltige Limonade)

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