Alkohol und Querschnittlähmung: Keine gute Kombination

„Ein Gläschen schadet doch nichts!“ – diesen Spruch kennt wahrscheinlich jeder. Aber Alkoholkonsum kann generell spürbare Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit haben. Menschen mit Querschnittlähmung sollten mit Alkohol vorsichtig umgehen; je nach Blasen-/Darmmanagement, Läsionshöhe, Begleiterkrankungen und Medikation kann bereits wenig Alkohol ungünstig sein.

Alkohol und Querschnittlähmung sind nicht unbedingt eine gute Kombination.

Harntreibende Wirkung

Alkohol wirkt diuretisch, also harntreibend. Der köperinnere Mechanismus dahinter: Alkohol hemmt im Gehirn die Produktion des antidiuretischen Hormons ADH, auch Vasopressin genannt. Dieses Hormon regelt den Wasserhaushalt des Körpers. Genauer gesagt: Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass der Körper nicht zu viel Wasser ausscheidet. Ist die Produktion von ADH gehemmt, verliert der Körper viel Flüssigkeit. Wer es ganz genau wissen will, findet unter anderem unter diesem externen Link die wichtigsten Zusammenhänge: Alkohol-Mythos: Das Bier und die Blase – DocCheck.

Für Menschen mit Querschnittlähmung könnte dieser harntreibende Effekt gleich bei mehreren Aspekten negative Folgen zeigen.

1. Blasenmanagement

Alkohol erhöht, wie oben beschrieben, die Urinmenge. Die Blase füllt sich also schneller als gewohnt. Besonders ungünstig: „Unter Alkoholeinfluss wird die Blasenhygiene möglicherweise vernachlässigt und die Blase zu lange nicht entleert“, gibt die University of Washington in einer Veröffentlichung (siehe externer Link Alcohol Abuse and SCI) zu bedenken. Mögliche Folge: Es besteht das Risiko, dass die Blasenwand gedehnt und geschwächt wird. Schlimmstenfalls könnte Urin in die Nieren zurückfließen. „Langfristig kann dies zu Infektionen und Nierenschäden führen“.

2. Autonome Dysreflexie

Eine volle Blase gilt zudem als einer der Hauptauslöser für eine Autonome Dysreflexie. Dabei reagiert der Körper bei Lähmungen oberhalb von Th 6/ Th 7 auf eine Reizung unterhalb des Läsionsniveaus – zum Beispiel eine volle Blase – mit einer Engstellung der Gefäße. Der Blutdruck kann stark ansteigen. Dies wiederum versucht der Körper auszugleichen, indem er den Pulsschlag drosselt und die Blutgefäße oberhalb der Lähmungshöhe erweitert. Der hohe Blutdruck kann schlimmstenfalls zu Herz- oder Hirnschlägen, Hirnblutungen oder sogar zum Tod führen. (Siehe hierzu auch: Querschnittlähmung: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie? – Der-Querschnitt.de).

3. Darmmanagement

Die dehydrierende Wirkung von Alkohol kann sich auch auf das Darmmanagement auswirken. Der Stuhl kann sich verhärten, die Darmtätigkeit sich verlangsamen. Verstopfung droht. Besonders Menschen, die zur Anregung der Darmtätigkeit viele Ballaststoffe zu sich nehmen, sollten hier achtsam sein. Denn stimmen Ballaststoffmenge und Flüssigkeitszufuhr nicht überein, können die Ballaststoffe im Darm verklumpen und dadurch die Tendenz zur Verstopfung sogar noch verstärken. (Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe Richtig trinken bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de sowie Sieben Fakten zur Prävention von Verstopfung bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de).

Aber so einfach macht es einem der Alkohol nicht. Denn er kann auch eine abführende Wirkung haben. Denn er kann den Magen-Darm-Trakt reizen und bei manchen Menschen Durchfall begünstigen; zugleich kann seine dehydrierende Wirkung Verstopfung fördern.

Ganz generell steht er im Verdacht, dass er die normale Funktion des Verdauungstrakts durcheinanderbringen und die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms verändern kann. Wer Probleme mit dem Darm – welcher Art auch immer – hat, sollte also zurückhaltend mit Alkohol sein. (Für weiterführende Informationen siehe externer Link: Durchfall nach Alkohol: Wenn Bier und Wein den Darm irritieren | aponet.de).

4. Hautgesundheit und Dekubitus-Risiko

Alkoholkonsum kann, so die University of Washington, das Risiko für Druckgeschwüre erhöhen. Dafür nennt sie in einer Veröffentlichung zwei Gründe. Zum einen die potenzielle Dehydrierung, die mit Alkoholkonsum einhergehen kann (siehe oben, diuretische Wirkung). Sie kann einem wichtigen Bestandteil der Dekubitus-Prophylaxe entgegen stehen. Denn eigentlich müssten Menschen mit Querschnittlähmung, vor allem, wenn sie im Rollstuhl unterwegs sind oder viel liegen, ganz besonders darauf achten, ihre Haut geschmeidig und elastisch zu erhalten. Auch, um sie widerstandsfähiger gegen Druck und Reibung zu machen. Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe unter anderem Die Haut bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.

Die Wissenschaftler bringen aber noch einen weiteren Punkt ins Spiel. Dieser Aspekt betrifft augenscheinlich vor allem Menschen, die öfter zu viel Alkohol trinken.

Sie vergessen im Fall der Fälle eventuell, ihre (Sitz-)Position regelmäßig zu verändern, schlafen vielleicht sogar im Rollstuhl ein. Wem das häufiger passiert, dessen Haut könnte ein Problem bekommen.

Hinzu können unter Umständen unwillkürlicher Harn- oder Stuhlabgang kommen, was – neben anderen negativen Auswirkungen – auch für die Haut im Sitz- und Genitalbereich zur Belastung werden kann.

Viele Kalorien und Mangelernährung

Schließlich nennt das Paper noch einen Aspekt, der sich ebenfalls auf den regelmäßigen, hohen Konsum von Alkohol bezieht. In diesem Fall bestehe die Gefahr, sich zu vernachlässigen – auch, was die Ernährung anbelangt. Eine gesunde Ernährung sei jedoch für die Hautgesundheit „unerlässlich“.

Da wären zum einen die vielen „leeren“ Kalorien, die im Alkohol stecken. Eine 0,5-Liter-Flasche Pils beispielsweise enthält rund 215 Kilokalorien, ein Glas Weißwein (0,2 Liter) etwa 135 bis 180 Kalorien, je nachdem, ob man es lieblich oder trocken mag.

Zum Vergleich: In 100 Gramm Hähnchenfilet stecken rund 105 bis 120 Kilokalorien, in 200 Gramm grünen Bohnen 62 Kalorien. Noch einen Teelöffel Olivenöl (circa 45 Kilokalorien) dazu – und fertig ist die leichte Mahlzeit, die mit rund 230 Kilokalorien energetisch kaum mehr zu Buche schlägt als ein großes Bier. Nur, dass sie viele Nährstoffe, wertvolle Fette und Vitamine in sich trägt.

Bei chronischem Konsumersetzt Alkohol mitunter sogar ganze Mahlzeiten, was zu einer Mangelernährung führen kann.

Die richtige Menge


Zur Orientierung: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt für das Suchtmittel Alkohol bewusst keine empfehlenswerte Obergrenze, da „es wissenschaftlich belegt ist, dass ein vollständiger Verzicht auf Alkohol aus gesundheitlicher Sicht bei weitem am besten ist. Alkoholkonsum ist eng mit etwa 60 verschiedenen Diagnosen assoziiert, wobei es fast immer eine enge Dosis-Wirkungs-Beziehung gibt, d. h. je höher der Konsum, desto höher das Krankheitsrisiko.“ (Siehe externer Link: Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge.) Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung folgt dieser Linie. 2024 gab sie ein Positionspapier heraus, das sich dafür ausspricht, keinen Alkohol zu konsumieren. (Siehe externer Link: Es gibt keine potenziell gesundheitsfördernde und sichere Alkoholmenge für einen unbedenklichen Konsum. | DGE

Erschwerend kommt hier hinzu, dass chronischer Alkoholkonsum häufig mit Mangel an mehreren Mikronährstoffen verbunden, besonders Thiamin (Vitamin B1), Folsäure, weiteren B-Vitaminen sowie Mineralstoffen wie Magnesium und Zink.

Der Mangel an diesen essenziellen Nährstoffen und Vitaminen kann darüber hinaus auch zu Nervenschäden (Polyneuropathie), Müdigkeit, geschwächtem Immunsystem und Organschäden führen. Für mehr Details siehe (externer Link): Alkoholmissbrauch führt auch über Vitaminmangel zu Nervenschäden: Neurologen und Psychiater im Netz.

Osteoporose

Bei Querschnittlähmung tritt häufig als Folgeerkrankung eine Osteoporose auf. Die Knochendichte unterhalb der Lähmungshöhe nimmt ab. (Siehe dazu: Osteoporose bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.) In diesem Zusammenhang scheint eine weitere Nebenwirkung von regelmäßigem, höherem Alkoholkonsum erwähnenswert: Riskantes Trinkverhalten kann Osteoporose begünstigen. Laut OSD (Osteoporose Selbsthilfegruppen Dachverband) kann Alkoholmissbrauch die Knochenaufbauzellen (Osteoblasten) hemmen und damit einen negativen Einfluss auf den Vitamin-D-Stoffwechsel haben. Außerdem könne Alkohol eine verstärkte Kalzium-Ausscheidung mit dem Urin fördern. Alles nicht gut für die Knochen. (Für mehr Informationen siehe externer Link Osteoporose wird begünstigt durch Alkohol und Nikotin.)

Anfälligkeit für Infektionen

Alkohol schwächt die Immunabwehr. Dazu schreibt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (bis 2025: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BzgA): „Alkohol schwächt das Immunsystem und macht den Körper anfälliger für virale oder bakterielle Infektionen und Pilzerkrankungen. Nach einer alkoholreichen Nacht kann das Immunsystem Studien zufolge bis zu 24 Stunden lang nicht wie gewohnt arbeiten. Alkohol stört die Bildung wichtiger Eiweiße, die dem Immunsystem das Signal zur Abwehr geben – und bereitet damit Krankheitserregern den Weg.“ (Für mehr Informationen siehe externer Link Leben ohne Alkohol: Kein Alkohol, mehr Lebensqualität: Alkohol? Kenn dein Limit.)

Auch die University of Washington betont in ihrem Beitrag unter der Überschrift „Alcohol and SCI-Health Effects“ (Gesundheitliche Auswirkungen von Alkohol bei Querschnittlähmung), dass Alkohol die Fähigkeit des Immunsystems schwächt, Infektionen abzuwehren. Dadurch erhöhe sich bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen das Risko von Harnwegs- und Hautinfektionen. Ein Risiko, dass bei querschnittgelähmten Menschen ohnehin erhöht ist. Siehe dazu auch: Das Immunsystem – Der-Querschnitt.de.

Wechselwirkung mit Medikamenten

Alkohol und Medikamente vertragen sich häufig nicht besonders gut. In Kombination können sie unerwartete Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel, Schwäche und eine verminderte motorische Koordination hervorrufen, die oft deutlich stärker ausfallen, als es die konsumierte Alkoholmenge erwarten ließe.

Zusätzlich kann Alkohol die Wirksamkeit von Medikamenten verstärken oder abschwächen, denn er verändert die Verstoffwechslung in der Leber. Von diesem Effekt müsste jeder wissen, der einmal einen Blick in die Beipackzettel seiner Medikamente geworfen hat.

Was die ungute Kombination Alkohol und Medikamente im einzelnen im Körper anrichten kann, hat das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit sehr detailliert unter diesem externen Link zusammengefasst: Medikamente und Alkohol: Keine gute Idee für die Gesundheit: Alkohol? Kenn dein Limit.

Die Experten aus Washington weisen zudem darauf hin, dass zu „Medikamenten, die bekanntermaßen in Kombination mit Alkohol ungewöhnliche Wirkungen hervorrufen“, unter anderem Baclofen und Diazepam, das häufig gegen Spastik verschrieben werde, das gerinnungshemmende Mittel Warfarin sowie verschiedene Schmerzmittel, entzündungshemmende Medikamente und einige Antibiotika gehören.

Psychische Auswirkungen

Sowohl in der Akutphase als auch in der lebenslangen Nachsorge querschnittgelähmter Menschen kann eine Depression (wieder-)auftreten, sie ist aber keine notwendige Reaktion auf eine Querschnittlähmung. So formuliert es die Leitlinie zu Depressionen bei Menschen mit Querschnittlähmung.

Alkohol kann bei psychischen Problemen eine Rolle spielen, als Auslöser oder auch als Verstärker. Unabhängig davon, ob man mit oder ohne Querschnittlähmung lebt.

 Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit bringt das Problem auf drei Punkte:

  • Depression und Alkohol verstärken sich gegenseitig in ihren Auswirkungen. Bei Depressionen ist Alkoholkonsum besonders ungünstig und sollte möglichst vermieden werden.
  • Durch ein Alkoholproblem kann eine Depression entstehen. Denn hoher Alkoholkonsum verändert auf lange Sicht die Gehirnstruktur.
  • Medikamente gegen Depressionen können gefährliche Wechselwirkungen in Verbindung mit Alkohol auslösen.

Siehe dazu auch die Beiträge Depression und Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de sowie Traumaverarbeitung nach Eintritt einer Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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