Leben mit Querschnittlähmung: „In der DDR war man bemüht, alle wieder in Arbeit zu bringen“
Jürgen Voigt hat zwei Querschnittlähmungen. 1978 hatte er, noch in der DDR, einen Wegeunfall und war seither inkomplett gelähmt. 2023 erlitt er „durch eine unglückliche Bewegung“ eine Kompression des Rückenmarks im Bereich der HWS 5/6. Der Rentner ist, so formuliert er es, also „gleich doppelt“ geschädigt. Hinzu kommt: Er kennt nicht nur ein Leben mit Paraplegie und später Tetraplegie – er kennt auch den Umgang zweier politischer Systeme mit querschnittgelähmten Menschen.

Mit 24 Jahren hatte Voigt einen schweren Unfall. Er erzählt: „Da war kein Blut, keine sichtbaren Wunden. Nichts am Kopf, nichts Kaputtes an den Beinen.“ Aber an der Wirbelsäule, genauer gesagt zwischen Brustwirbelkörper 7 bis 9, ging etwas zu Bruch. Mit der Diagnose Querschnittlähmung „brach in mir eine Welt zusammen“.
Nach dem Unfall operierte ihn in der Neuro-Chirurgie des UKH Halle Prof. Dr. Winfried Burkert. Dabei erfolgte eine Dekompression des 7 bis 9 BWK, der gesamte Bereich wurde stabilisiert. Anschließend kommt Voigt zur Rehabilitation in die Knappschafts-Heilstätte am Steierberg in Sülzhayn (heute: Ellrich).
Wechselvolle Geschichte
Diese Einrichtung hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Gegründet als Heilstätte vor allem für Bergleute, wurde sie in Kriegszeiten zum Lazarett. Danach diente sie als Sanatorium zur Behandlung von Lungenkranken.
Ab Ende der 1960er-Jahren ließ die DDR-Führung Sülzhayn systematisch als Rehabilitationszentrum für Menschen mit Querschnittlähmung ausbauen. Neben der fachlichen Neu-Ausrichtung wurden auch viele Gebäudeteile grundlegend umgewidmet. Aus den ehemaligen Kapellen wurden zum Beispiel ein Schwimmbad und Turnhallen.
Vorzeige-Objekt der DDR
Voigt erinnert sich: „Die Einrichtung war ein Vorzeige-Objekt der DDR. Als ich dorthin kam, waren große Teile der Einrichtung erst ein halbes Jahr alt.“ Der ehemalige Maschinenführer findet beste Bedingungen vor. Auch heute noch ist er sehr zufrieden mit seiner ersten Reha-Einrichtung: „Da wurde alles dafür getan, damit es einem besser geht. Jeder hatte seinen eigenen Physiotherapeuten, es gab fast nur Einzelbehandlungen und Einzelsitzungen.“
Die Wahl, in Sülzhayn ein Zentrum zur Behandlung für querschnittgelähmte Menschen aufzubauen, war vermutlich nicht zufällig. Die ehemalige Heilstätte lag unmittelbar neben dem sogenannten Todesstreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Sie gehörte ebenso wie der benachbarte Ort Ellrich zur sogenannten „Sperrzone“. Dieser 5 Kilometer breite Streifen durfte nur mit besonderer Genehmigung betreten werden.
Besuch nur mit Passierschein
Wer dauerhaft dort leben und arbeiten wollte, musste als besonders systemtreu gelten, erhielt jedoch im Gegenzug – so deutet es Voigt an – auch besondere Privilegien, was zum Beispiel das Arbeitsumfeld anbelangte. Seine Therapeuten auf jeden Fall waren äußerst motiviert.
Voigts Eltern, die ihren Sohn regelmäßig in Sülzhayn besuchten, mussten folgerichtig für jeden Besuch einen Passierschein beantragen. Man stand unter Beobachtung, schließlich trennte nur ein schmaler, wenn auch gut bewachter und gesicherter Streifen die Heilstätten vom benachbarten Niedersachsen.
Dass Menschen mit Querschnittlähmung einen Fluchtversuch durch Minenfeld und über hohe Zäune wagen würden, war kaum zu befürchten.
Nahtlos weiter in die berufliche Reha
Nach der medizinischen Reha ging es für Voigt nahtlos weiter in die sogenannte berufliche Reha. „Generell war die DDR bemüht, alle wieder in Arbeit zu bringen. Das war ein guter Ansatz. Der Weg dahin war zusammenhängend und sauber koordiniert. Man wurde begleitet, ohne Unterbrechung. Das war schon gut. Heute muss man sich um alles selbst kümmern, wenn man querschnittgelähmt wird“, findet Voigt.
Arbeit als Grundrecht
In der Verfassung der DDR hatte der Schutz der Gesundheit genauso wie der Schutz der Arbeitskraft den Rang eines Grundrechts. Jeder hatte – zumindest theoretisch – das Recht auf Arbeit. Die berufliche Rehabilitation setzte den Schwerpunkt auf die betriebliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung. Es gab Rehabilitationszentren zur medizinischen Versorgung und beruflichen Wiedereingliederung sowie geschützte Arbeitsplätze in den „volkseigenen“ Betrieben. Nach der Wiedervereinigung gingen viele dieser Arbeitsplätze verloren.
Voigt durchlief seine berufliche Rehabilitation in Rathmannsdorf bei Staßfurt. Vier Jahre lang lernte in dieser Rehabilitationsheilstätte alles, was er später als Rundfunk- und Fernsehtechniker für seine Arbeit brauchen würde. Funktechniker und Uhrmacher galten in der DDR, einem Staat mit ausgeprägter Reparatur-Kultur, als ideale Reha-Berufe für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. „Wer, so wie ich, mit meiner inkompletten Lähmung, noch ein bisschen laufen konnte, wurde Funkmechaniker. Wer ganz im Rollstuhl saß, wurde halt Uhrmacher“, sagt Voigt.
Glück „am Wegesrand“
In Rathmannsdorf lebten die Auszubildenden in einer recht geschlossenen Gemeinschaft in einem Internat. Alle drei Monate fuhren sie nach Hause zu ihren Familien. Voigts Eltern holten ihn dann ab. Auf der Fahrt machten sie regelmäßig Halt bei einer bestimmten Raststätte. Mit der jungen Dame von der Raststätte ist Voigt seit 46 Jahren verheiratet. Manchmal liegt das Glück am Wegesrand.
„Alleine kommt man nicht besonders weit“
Voigt hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die besten Zeiten. Seine Querschnittlähmung und ihre Folgen hatten die Familie durcheinandergewirbelt, seine erste Frau ihn verlassen. Der junge Mann bekommt Depressionen, die ihn bis heute begleiten.
Mit der neuen Frau an seiner Seite und dem neuen Beruf beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Geholfen hat ihm dabei auch sein „gutes familiäres Umfeld. Alleine kommt man nicht besonders weit“.
Mischlingsdame „Rike“ als Motivatorin
Voigt arbeitet als Fernsehtechniker, nach der Wende findet er eine Anstellung bei der Deutschen Telekom. Dort arbeitet er bis zu seiner Pensionierung. Noch heute ist er froh, dass er nach dem Unfall eine Umschulung gemacht hat, „denn ohne Arbeit fällt einem schnell die Decke auf den Kopf.“
Deshalb gibt es in seiner Familie auch „Rike“, eine Mischlingsdame. „Als ich in Altersrente bin, habe ich gesagt: jetzt hole ich mir einen Hund ins Haus. Damit ich nicht den ganzen Tag in der Wohnung sitze“, erzählt der heute 72-Jährige.
Die zweite Querschnittlähmung
Seit zwei Jahren lebt Voigt mit einer inkompletten Tetraplegie. Eine „unglückliche Bewegung“ schädigte sein Rückenmark im Halswirbelbereich. Seither fällt es ihm noch schwerer, zu gehen. Und auch Armkraft hat er kaum noch. „Außerhalb der Wohnung kann ich eigentlich nichts mehr tun.“ Aber mit seiner Rike geht er konsequent immer noch einmal am Tag raus, nun eben im Rollstuhl.
Der häusliche Unfall passierte am Ende der Corona-Zeit. „Vieles ist da bei meiner Behandlung an den Baum gefahren worden“, erzählt Voigt. Manchmal zweifelt er, ob er in einer anderen Klinik, mit anderen Therapien heute körperlich in einem besseren Zustand wäre und seine inkomplette Tetraplegie vielleicht nicht ganz so stark ausgeprägt wäre. Mehr will er dazu aber nicht sagen. Vergangenheit. Nicht mehr zu ändern.
„Muss meine Beschwerden hinnehmen“
„Ich lasse mir helfen, nehme auch leichte Antidepressiva. Ich möchte mich nicht völlig hängen lassen, wenn es mir schlecht geht“, sagt Voigt. „Meine anderen Beschwerden muss ich halt hinnehmen. Nur am Darmmanagement will ich, wenn möglich, bald etwas ändern. Damit nicht jeder zweite Tag von einem stundenlangen Abführ-Prozedere blockiert ist.“
Voigt führt inzwischen ein recht ruhiges Leben. Seine Familie gibt ihm Kraft. Mit der Tochter und der Enkeltochter hat er regelmäßig Kontakt. Beide arbeiten in der Pflege und unterstützen ihn. Mit ihrem Fachwissen, vor allem aber auch mit ihrer Liebe.
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