Oberschenkel-Labienspreizer: Neues Hilfsmittel soll Frauen Katheterisieren erleichtern
Querschnittgelähmte Frauen müssen meist katheterisieren – entweder selbst oder mit fremder Hilfe. Anders als bei Männern ist die Harnröhre bei Frauen im Körper verborgen. Das erschwert den selbstständigen Tausch. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA arbeitet derzeit an einem Oberschenkel-Labienspreizer, der querschnittgelähmten Frauen das Katheterisieren erleichtern soll. Probandinnen sind willkommen.

Weltweit sind mehr als drei Millionen Frauen querschnittgelähmt. Meist müssen sie katheterisieren, da sich die Blase ab einem bestimmten Grad der Lähmung nicht mehr selbstständig entleeren kann. (Siehe dazu Blasenfunktion bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de). Dabei wird der Katheter durch die Harnröhre in die Blase eingeführt und leitet den Urin aus dem Körper ab – ein überlebenswichtiger Prozess.
Weil Dauerkatheter ein höheres Infektionsrisiko bergen, gilt die Intermittierende Katheterisierung als Goldstandard. (Siehe auch: Intermittierender Katheterismus: Standards und Hilfsmittel – Der-Querschnitt.de.) Diese wiederkehrende Katheterisierung kann entweder selbst (ISK, intermittierende Selbstkatheterisierung) oder mit fremder Hilfe (FSK, Intermittierender Fremdkatheterismus) durchgeführt werden.
Mehr Privatsphäre
Frauen mit hoher Querschnittlähmung und eingeschränkter oder fehlender Handmobilität sind dabei meist auf die Unterstützung durch eine Assistenz angewiesen. „Dies kann für Betroffene nicht nur unangenehm sein, es erhöht auch das Risiko für Harnwegsinfektionen – und damit langfristig auch die Wahrscheinlichkeit, an Blasenkrebs zu erkranken“, betont eine Veröffentlichung des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA.
Hier möchte Dr. Urs Schneider, Arzt und wissenschaftlicher Direktor für Gesundheits- und Bioproduktionstechnik am Fraunhofer IPA in Stuttgart, helfen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen entwickelt er im Projekt 2LIP ein Gerät, das querschnittgelähmten Frauen das selbstständige Katheterisieren erleichtert: „Die Situation auf der Toilette ist für Betroffene oft sehr belastend, es handelt sich um ein schambehaftetes Thema“, so Urs Schneider. „Mit unserem Hilfsmittel möchten wir querschnittgelähmten Patientinnen ihre Intimität zurückgeben.“
Katheter-Wechsel im Rollstuhl
Dafür hat das Team eine Art Sitzschale entwickelt, die querschnittgelähmte Frauen nutzen können, ohne den Rollstuhl verlassen oder nach vorne rutschen zu müssen. Zwei Schalen halten dabei ihre Beine leicht auseinander. Mussten sie diese bisher um etwa 110 Grad spreizen, damit sie sich selbst einen neuen Katheter einführen konnten, ist mit dem neuen Gerät nur noch eine Spreizung von 20 Grad erforderlich.
Mithilfe eines Hebels können die Patientinnen anschließend selbstständig sanft und mit wenig Kraftaufwand ihre Schamlippen öffnen. Ein integrierter Spiegel und eine Lampe geben der Frau Einblick in ihren Intimbereich und erleichtern ihr damit das selbstständige, hygienische Einführen des Katheters. (Siehe auch Infektionen vermeiden durch richtige Händehygiene – Der-Querschnitt.de.)
Weitere Vorteile
Die Projektseite ISK/IFK Toilette – 2LIP (externer Link) nennt noch weitere Vorteile, u.a.:
- der Labienspreizer erlaubt es, sich bequem beidhändig zu reinigen und zu katheterisieren
- der integrierte Spiegel, die Lampe und eine 1-Minute-Sanduhr unterstützen im Bett, Rollstuhl und unterwegs, zum Beispiel auf dem Auto- und Flugzeugsitz
- kompakte Maße, die in eine Rollstuhltasche passen
- erleichtert eventuell sogar das das Katheterisieren bei Spastikneigung
Erleichterung für Assistenzen
Auch Pflegekräfte profitieren von der Entwicklung: Das Gerät entlastet sie psychologisch, körperlich sowie zeitlich und hilft, die Qualität der Pflege zu verbessern. Erste Prototypen des Hilfsmittels zum Katheterisieren gibt es bereits, das Feedback von Patientinnen, Pflegenden und Versicherungen falle nach ersten Tests überaus positiv aus, so die Pressemeldung des Instituts weiter.
Aktuell arbeiten die Forschenden an vier bis sechs unterschiedlichen geometrischen Formen, damit sich das Gerät an möglichst viele Anatomien anpassen lässt. Beflügelt vom Erfolg, plant das Team nun die Gründung eines Start-ups, um das Hilfsmittel selbst herstellen zu können; eine umfassende Erprobungsstudie steht an. Bereits in zwei bis drei Jahren könnte das Gerät auf den Markt kommen – und so eine große Lücke im Bereich der Frauengesundheit schließen.
Probandinnen willkommen
Das Gerät befindet sich derzeit in der finalen Entwicklung. Wer Interesse an einer Erprobung hat, kann sich gerne an Dr. Urs Schneider wenden (externer Link): urs.schneider@ipa.fraunhofer.de.
Links zum Weiterlesen:
- Elf Fragen und Antworten rund um die Verwendung von Kathetern bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de
- Hilfsmittel für den intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK) – Der-Querschnitt.de
- Blick hinter die Kulissen: So werden Katheter keimfrei gemacht – Der-Querschnitt.de
Der-Querschnitt.de betreibt keine Forschung und entwickelt keine Produkte/Prototypen. Wer an der beschriebenen Methode oder den vorgestellten Prototypen Interesse hat, wendet sich bitte an die im Text genannten Einrichtungen.
