„Vor dem Alter kann man sich nicht verstecken“ – Was macht Tetraplegiker Hennes Lübbering heute?
2019 sprach die Redaktion zum ersten Mal mit Hennes Lübbering – einem ganz alten Hasen im Rollstuhl – über das Altern mit Querschnittlähmung (siehe: „Von der Bravo zur Apothekenumschau“ ). Nach sieben Jahren stellt sich die Frage, wie es dem inzwischen 75-Jährigen heute geht. Die klare Antwort: „Es geht mir gut!“

Hennes Lübbering war 18 Jahre alt, als er sich bei einem Badeunfall eine Querschnittlähmung auf Höhe des fünften Halswirbels zuzog. Das war Ende der Sechziger und man hatte ihm einen Alltag in völliger Abhängigkeit und eine Lebenserwartung von gerade mal vier Jahren prognostiziert. Doch es kam anders. Der Wahlheidelberger blickt heute auf fast 60 selbstbestimmte Jahre im Rollstuhl zurück, in denen er beruflich erfolgreich war, die Welt bereiste und sportliche Höchstleistungen feierte.
Dass sich mit zunehmendem Alter die Dinge verändern, bemerkte Lübbering schon mit Mitte 50. Das eine oder andere Pfund Übergewicht hatte sich angeschlichen, aus Leistungssport wurde Freizeitsport, Transfers waren nicht mehr selbständig möglich, die hart erarbeitete Unabhängigkeit wurde plötzlich wieder infrage gestellt.
„Das hat mich hart getroffen. All die Kompensationsstrategien, die man in der Reha als Tetraplegiker lernt, sind im Alter nicht mehr so leicht oder gar nicht mehr machbar.“
Die Unabhängigkeit erhalten mit Hilfsmitteln
Ausschlaggebend für Lübberings erfolgreiches Leben mit Querschnittlähmung ist die Bereitschaft Hilfe anzunehmen und Hilfsmittel zu nutzen. „Bei einer Lähmungshöhe von C5 war ich in vielen Bereichen schon immer auf Hilfe angewiesen, z. B. beim Toilettengang und beim Anziehen. Vor ihrem Tod hat meine Frau das gemacht. Jetzt habe ich eine Rund-um-die-Uhr Assistenz und auch viel mehr Hilfsmittel, die mir den Alltag erleichtern.“
„Ich verstecke mich nicht. Leute dürfen schon sehen, dass ich nicht mehr so fit bin wie früher und nicht mehr alles kann. Dafür schäm ich mich nicht. Nur Suppe… Suppe ess ich im Restaurant keine mehr.“
Diese Hilfsmittel ermöglichen die für Lübbering so wichtige unabhängige Mobilität. Bei Transfers im Bett und Bad helfen Liftsysteme, ein Radnabenantrieb erspart den sperrigeren Elektrorollstuhl, ein Zuggerät erleichtert das Vorankommen auf kurzen Strecken, z.B. beim Einkaufen, bei Arztbesuchen oder auf Städtetrips. Für längere Strecken und um seiner Fitness willen, fährt Lübbering ein E-Handbike. „Im Sommer mache ich längere Touren – gerne alleine – um den Kopf freizukriegen, aber auch um einfach mal etwas machen zu können, wo ich ganz selbstbestimmt bin. In der dunklen Jahreszeit bin ich nicht so oft draußen unterwegs, kurble aber jeden Tag eine Stunde auf dem Hometrainer.“
Die neue Mobilität mit Joystick
Auch sein umgebautes Auto mit Handgas musste der Tetraplegiker 2024 aufgeben. „Das war für mich schlimm, weil das Auto einen hohen Stellenwert für mich hat. Zum einen war ich schon immer ein Autonarr. Zum anderen ist da die Unabhängigkeit, die ein Auto bietet. Ich wohne auf dem Dorf. Um mobil zu sein, braucht man einfach ein Fahrzeug.“
„2025 habe ich mir dann ein neues Auto zugelegt. Ich fahr über eine Rampe ins Auto und mit dem Rollstuhl hinters Lenkrad. Gelenkt wird das Auto mit einem Joystick und Gas und Bremse werden mit wenig Kraft elektrisch betätigt.
Um diese Art von Auto fahren zu können, musste Lübbering einige Voraussetzungen erfüllen. Wegen des Schlaganfalls 2019 war ein neurologisches Gutachten notwendig. Ein spezielles Fahrtraining umfasste zehn Stunden, und schließlich musste ein TÜV-Gutachter bestätigen, dass „…es sicher ist, mich so auf die Straße zu lassen. Und jetzt habe ich wieder die Freiheit dahin zu fahren, wo ich möchte und wo ich gebraucht werde.“
Lübbering ist ehrenamtlich als kommunaler Inklusionsberater für seine Nachbargemeinde tätig und engagiert sich als Peer-Berater bei der FGQ. Ich hoffe, dass ich meine Erfahrungen weitergeben und damit anderen hoffentlich helfen kann.“
Soziale Teilhabe für ein sinnerfülltes Leben
„Das Wichtigste für mich ist die soziale Teilhabe. Heute muss ich da sehr viel mehr Mühe – mehr Ideen, mehr Zeit, mehr Hilfsmittel, mehr Planung, mehr Disziplin – investieren als früher. Die Versuchung ist da schon da zu sagen, dann geh ich halt nicht ins Kino, sondern guck Netflix.“ Doch, obwohl es einfacher wäre zuhause zu bleiben, nimmt Lübbering den Extraaufwand gerne in Kauf. Denn alles andere würde Aufgeben bedeuten. „Beim ins Kino gehen, geht es mir ja nicht nur um den Film, sondern darum mit Freunden eine schöne Zeit zu verbringen. Deshalb ist es die emotionale Anstrengung auf jeden Fall wert.“
Aus demselben Grund hat Lübbering auch eine von der Manfred-Sauer-Stiftung finanzierten Mitgliedschaft in einem barrierefreien Fitnessstudio abgeschlossen. Dort kann er Freunde und Bekannte treffen und sich beim gemeinsamen Trainieren mit ihnen austauschen. „Das Training könnte ich natürlich auch zuhause mit meinem Hometrainer machen. Aber die Gesellschaft der anderen ist es, die hier das wichtige ist.“
Der Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben
„Noch geht es mir mit meiner Situation ja sehr gut“, erklärt Lübbering, als das Gespräch auf seinen Wunsch nach selbstbestimmten Sterben kommt.
„Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich nach meinem Schlaganfall daran gewöhnt hatte, nicht mehr all die Dinge tun zu können, die ich — in der Reha nach dem Unfall hart erarbeitet hatte. Ein Psychologe hat mir geholfen mich mit meiner neuen Situation anzufreunden. Aber der Ist Zustand wird ja nicht erhalten bleiben. Wenn mein Leben nur noch ein Kampf gegen weitere Krankheiten ist, wenn ich noch hilfloser werde… – dann wünsche ich mir mein Leben selbstbestimmt beenden zu dürfen. In Deutschland ist dies inzwischen auch machbar und mit einer entsprechenden Organisation bin ich bereits in Kontakt. Nicht weil ich derzeit Handlungsbedarf sehe. Aber meine Optionen will ich kennen.“
Der Text wurde in Ausgabe 3/2026 des Paraplegiker erstveröffentlicht.
Die Beiträge, die in der Kategorie „Erfahrungen“ veröffentlicht werden, schildern ganz persönliche Strategien, Tipps und Erlebnisse von Menschen mit Querschnittlähmung. Sie stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider. Wer auch gerne auf Der-Querschnitt.de Erfahrungen teilen möchte, wendet sich bitte an die Redaktion. Siehe: Ihre Erfahrungen helfen anderen.
