Harninkontinenz: Formen, Ausprägung, Ursachen
Der ungewollte, unkontrollierte Abgang von Urin, die Harninkontinenz, ist vermutlich für die meisten Menschen mit Querschnittlähmung ein (unangenehmes) Thema. Die Harninkontinenz kann man auf verschiedenen Wegen beschreiben, unter anderem abhängig von der Ursache oder quantitativ anhand der verlorenen Urinmenge.

„Harninkontinenz, im Volksmund besser bekannt als Blasenschwäche, ist das Unvermögen, willkürlich, zur passenden Zeit und an einem geeigneten Ort, die Blase zu entleeren. Der unwillkürliche Urinverlust kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein; von einigen Tropfen Harnverlust bis zu permanentem Harnverlust, ohne die Möglichkeit auch nur geringe Mengen Harn halten zu können.“ So definiert die Urologische Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg diese Erkrankung, die eigentlich gar keine eigenständige Krankheit ist. Sondern eher ein Symptom, das aus Fehlfunktionen im Nervensystem, einer gestörten Blasenfunktion, geschwächten Muskeln oder einer Kombination dieser Ursachen entstehen kann.
Einteilung nach Ursachen
Harninkontinenz kann viele Ursachen haben. Je nach Fachgesellschaft/Publikation variiert die Klassifizierung der Formen. Gebräuchlich ist die untenstehende Einteilung nach ursächlichen (med.: ätiologischen) Kriterien.
1. Belastungsinkontinenz
Bei körperlicher Anstrengung, zum Beispiel beim Sport, aber auch beim Niesen oder Husten, kommt es zu Harnabgang. Gerade beim Sport tragen deshalb viele querschnittgelähmte Menschen eine Einlage, um sich unbeschwert auspowern zu können.
2. Reflexinkontinenz
Liegt bei Menschen mit Querschnittlähmung die Läsion oberhalb des sakralen Miktionszentrums (S2-S4), bilden sie in der Regel eine spastische Blase aus. Die Folge: eine reflexartige Inkontinenz. Urin wird unkontrolliert, scheinbar ohne Auslöser, abgegeben. (Siehe auch: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.)
Häufig behandelt man eine überaktive Blase zunächst mit Medikamenten. Dabei kommen unter anderem Antimuskarinika/Anticholinergika zum Einsatz, welche die Blasenmuskulatur dämpfen sollen.
Erzielen die Medikamente nicht das gewünschte Ergebnis, kann ein operativer Eingriff in Betracht gezogen werden. Auch bei Menschen mit Querschnittlähmung üblich sind zum Beispiel Botulinumtoxin-Injektionen in die Blase. (Für mehr Informationen dazu siehe Beitrag Querschnittlähmung: „Botox“-Behandlung bei Funktionsstörungen der Blase – Der-Querschnitt.de). In anderen Fällen können implantierte Elektroden und ein Stimulator die Blase „steuern“. Diese Behandlungsmethode ist als sakrale Neuromodulation bekannt. (Für mehr Informationen dazu siehe Beitrag Neurogene Blasenfunktionsstörungen: Operative Verfahren – Der-Querschnitt.de.)
3. Dranginkontinenz/Urge-Inkontinenz
In diesem Fall entsteht das Problem während der Phase, in der die Blase sich füllt. Unterschieden wird zwischen motorischer und sensorischer Dranginkontinenz.
Bei der motorischen Urge-Inkontinenz zieht sich der „Harnaustreiber-Muskel“ (Musculus detrusor vesicae) autonom zusammen. Hemm-Mechanismen fehlen. Die motorische Urge-Inkontinenz tritt unter anderem aufgrund neurologischer Erkrankungen auf.
Bei der sensorischen Dranginkontinenz hingegen geben afferente Impulse das Signal, dass es ganz dringend Zeit für einen Toiletten-Besuch wird. „Gerade Menschen mit Querschnitt-Lähmung haben oft mit dieser Form der Inkontinenz oder ihrem Gegenteil zu tun“, erzählt Querschnitt-Spezialistin und Pflegewissenschaftlerin Veronika Geng. „Entweder, sie schaffen es nicht rechtzeitig auf das stille Örtchen und es kommt zu einem Inkontinenz-Ereignis. Oder sie gehen viel zu oft auf die Toilette, weil ihr Körper ihnen vorgaukelt, dass es wieder an der Zeit ist.“
4. Überlauf-Inkontinenz
Bei einer Schädigungshöhe zwischen S2 und S4 oder darunter bilden Menschen mit Querschnittlähmung häufig eine „schlaffe“ Blase aus und leiden in deren Folge unter einer Überlauf-Inkontinenz.
Der Mechanismus dahinter: Die Blase füllt sich kontinuierlich. Da aber der Blasenmuskel (Detrusor) sich nicht mehr zusammenziehen kann, wird die Blase nie aktiv geleert. Der Druck steigt, schließlich wird der – häufig schwache – Schließmuskel überwunden und Urin tritt tröpfchenweise oder in größeren Mengen aus.
Zudem besteht für den querschnittgelähmten Menschen die Gefahr, dass Urin zurück Richtung Nieren gedrängt wird, was zu Nierenschäden oder sogar Nierenversagen führen kann. (Siehe auch: Komplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.)
5. Weitere Ursachen einer Harninkontinenz
Darüber hinaus kann Inkontinenz auch aufgrundneurourologischer Erkrankungen oder einer Fistelbildung entstehen.
Die Deutsche Kontinenz-Gesellschaft weist darauf hin, dass alle diese Formen sehr unterschiedliche Ursachen haben können. „Die einzelnen Inkontinenzformen können in Reinform, aber auch in einem Mischbild vorkommen“. Für weiterführende Informationen siehe (externer Link): Deutsche Kontinenz Gesellschaft. Dort steht auch ein Infoflyer zum Download bereit (externer Link): Broschüre Harn- und Stuhlinkontinenz.
Einteilung nach (verlorenen) Millilitern
Inkontinenz lässt sich nicht nur nach der Ursache klassifizieren, sondern auch nach der Menge des Urins, die unkontrolliert und unfreiwillig abgeht. Früher wurde der Schweregrad einer Inkontinenz laut pflegewiki nach der Urinmenge bestimmt, die ein Betroffener innerhalb einer Stunde unfreiwillig ausschied. Eine Klassifizierungsmethode, die ihre Nachteile hat, denn ja nach Situation und Art der Inkontinenz kann der Urin manchmal tröpfchenweise und manchmal schwallartig fließen.
Deshalb hat sich die Messung der Urinmenge innerhalb von vier Stunden etabliert. Auch, weil dieser Zeitraum in Pflegeeinrichtung dem Intervall entspricht, in dem das Pflegepersonal normalerweise aufsaugende Inkontinenzprodukte wechselt.
Aus den Schweregraden lässt sich auch ablesen, welche Inkontinenzprodukte mit welchem Saugvolumen ein Betroffener braucht. Mehr Informationen zu gängigen Produkt-Gruppen bei Inkontinenz gibt der Beitrag Aufsaugende Kontinenzhilfsmittel – Der-Querschnitt.de.)
Mit dieser Klassifizierungsmethode betrachtet ergeben sich 4 Inkontinenz-Stufen:
- Tröpfelinkontinenz (sehr leicht): In 4 Stunden unter 50 ml Urinverlust
- Leichte Inkontinenz (Grad 1): In vier Stunden 50 bis 100 ml Urinverlust
- Mittlere Inkontinenz (Grad 2): In 4 Stunden 100 bis 250 ml Urinverlust
- Schwere Inkontinenz (Grad 3): In 4 Stunden über 250 ml Urinverlust
Die genaue Menge der abgegebenen Urinmenge wird meist mit einem Vorlagen-Wiegetest bestimmt.
Wie Kleidung helfen kann, mit den verschiedenen Graden einer Inkontinenz umzugehen, schildert der Beitrag Unterwäsche als Teil des Kontinenzmanagements bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.
Kontinenzprofile in der Pflege
Eine dritte Möglichkeit, den Grad einer Inkontinenz zu bestimmen, stellen sogenannte Pflegeprofile dar. Insgesamt gibt es in der Pflege sechs standardisierte Kontinenzprofile:
- Kontinenz: Kein ungewollter Harnverlust
- Unabhängig erreichte Kontinenz: Der Betroffene bleibt trotz leichter Blasenschwäche kontinent, zum Beispiel durch regelmäßige Entleerung.
- Abhängig erreichte Kontinenz: Auch hier wird die Blase kontrolliert entleert, zum Beispiel durch Katheterisierung. Der Betroffene benötigt jedoch externe Unterstützung.
- Unabhängig kompensierte Inkontinenz: Es kann zu unwillkürlichem Harnverlust kommen. Der Betroffene gleicht dies jedoch völlig eigenständig durch Hilfsmittel wie Einlagen, Vorlagen oder Urinalkondome aus.
- Abhängig kompensierte Inkontinenz: Der Betroffene benötigt Unterstützung bei der Anwendung von Hilfsmitteln. Ziel ist auch hier, die Folgen der Inkontinenz, wie Nässe, zu minimieren.
- Nicht kompensierte Inkontinenz: Selbst bei Nutzung entsprechender Produkte kommt es zu Einnässungen. Mögliche Ursachen: Hilfsmittel, zum Beispiel Einlagen, sitzen falsch oder sind für die anfallende Urinmenge nicht geeignet.
Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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