Tätowierungen und Querschnittlähmung
Kann man sich als Person mit Querschnittlähmung tätowieren lassen? Was muss man beachten? Und was sagen Betroffene dazu?

Während medizinische Fachpersonen beim Gedanken an ein Tattoo nach Eintritt einer Querschnittlähmung meist die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, ist die Fangemeinde gar keine so kleine. Hier einige Überlegungen zum Pro und Kontra.
„In der Pflege gilt meist die Regel, dafür zu sorgen, dass Patienten mit Querschnittlähmung unterhalb der Läsionshöhe keine Wunden zugefügt werden, auch wenn sie noch so klein sind. D.h. dass z.B. das Blutabnehmen im nicht-gelähmten Bereich stattfinden muss“, sagt Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin Veronika Geng. „Bei einem Tätowiervorgang die Haut über einen andauernden Zeitraum zu reizen, scheint mir wenig sinnvoll. Das Risiko kann für Menschen mit Querschnittlähmung schon erheblich höher sein als für andere.“
Allgemeine Kontraindikationen
Unter bestimmten Bedingungen sollte man – ob eine Querschnittlähmung vorliegt oder nicht – auf eine Tätowierung verzichten. Diese Kontraindikationen sind z.B.:
- Hauterkrankungen wie Ekzeme, Psoriasis oder Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) im gewünschten Tattoo-Bereich.
- Blutgerinnungsstörungen oder Krankheiten, die die Einnahme von Blutverdünnern notwendig machen, da Betroffene während des Stechens des Tattoos übermäßig bluten können.
- Ein geschwächtes Immunsystem kann die Heilung beeinträchtigen und das Infektionsrisiko erhöhen.
- Allergien, insbesondere gegenüber Tattoo-Farbstoffen oder Bestandteilen davon.
- Schwangerschaft und Stillzeit.
Besonderheiten bei Querschnittlähmung
- Hautempfindlichkeit
Wenn die Sensibilität von der Querschnittlähmung betroffen ist, sollten Schmerzen beim Tätowieren das kleinste Problem sein. Die Haut kann aber wund oder rot werden und der Körper kann die Schmerzsignale durchaus interpretieren und sie in autonome Dysreflexien und Spastik umsetzen.
- Autonome Dysreflexie
Menschen mit einer Läsionshöhe von Th 6/7 und darüber müssen beachten, dass beim Stechen des Tattoos und in der Heilungsphase danach eine autonome Dysreflexie (siehe: Was geschieht bei einer autonomen Dysreflexie?). Dies kann ein lebensbedrohender Zustand sein, der sofort behandelt werden muss.
- Spastik
Noxische Reize im gelähmten Bereich können zu Spastiken führen (siehe: Spastik und Spasmen als Folge einer Querschnittlähmung). Ein unkontrolliertes Zucken im Bereich, der gerade tätowiert wird, kann das Ergebnis erheblich beeinflussen. Ebenfalls besteht Verletzungsgefahr, wenn man z.B. aus dem Tätowierstuhl oder von der Liege fällt. Auch hier muss man den Tätowiervorgang ggf. unterbrechen.
- Wundheilungsstörungen
Im gelähmten Bereich liegt bei vielen Menschen mit Querschnittlähmung eine Wundheilungsstörung vor. Verletzungen sind unterhalb der Lähmungshöhe daher eigentlich zu vermeiden. Bei einer Tätowierung werden sie aber absichtlich zugefügt. Betroffene müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Heilungsprozess wahrscheinlich länger dauern und die Haut darüber hinaus über einen längeren Zeitraum empfindlich sein kann.
- Wechselwirkung mit Medikamenten
Wer Blutverdünner, Kortison oder Antibiotika einnimmt, darf sich nicht tätowieren lassen. Auch Impfungen sollten mind. zwei Wochen zurückliegen. Da Menschen mit Querschnittlähmung u.U. verschiedene Medikamente dauerhaft einnehmen, ist eine Rücksprache mit dem Arzt unbedingt notwendig.
- Vorsicht bei Nachbehandlung und Infektionskontrolle
Aufgrund der möglicherweise verminderten Empfindlichkeit ist es wichtig, dass eine andere Person den Bereich täglich kontrolliert und reinigt, da ein gewisses Infektionsrisiko immer gegeben ist. Auch Fieber, Schüttelfrost und Übelkeit können Anzeichen einer sich ausbreitenden Infektion sein.
- Vorbereitung
Einige Tätowierer verlangen u.U. ein ärztliches Attest oder eine unterschriebene Verzichtserklärung.

Nachbehandlung
Nach dem Stechen eines Tattoos ist Folgendes zu beachten:
- Die Tätowierung sollte sauber gehalten und mit einer Heilsalbe gepflegt werden.
- Frische Tattoos sollten vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden.
- Schwimmbäder und Saunen sollten gemieden werden, bis die Tätowierung vollständig verheilt ist.
Mögliche Komplikationen
- Infektionen sind durch unsachgemäße Nachsorge oder unhygienisches Arbeiten bzw. bakterieller Verunreinigung der Tätowierungsfarben möglich.
- AllergischeReaktionen auf die Tattoo-Tinte oder Bestandteile davon.
- Maligne Lymphome
Evtl. verursacht durch Tätowierfarbe, die krebserregende Chemikalien, u.a. primäre aromatische Amine, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Metalle, enthalten kann. - Narbenbildung bei zu tiefem Einstich oder bei schlechter Heilung.
- Mit der Zeit kann die Tinte verblassen oder sich verändern.
Tattoos: Erfahrungen von Menschen mit Querschnittlähmung
Trotz der genannten Eventualitäten gibt es viele Menschen mit Querschnittlähmung, die sich für eine Tätowierung – auch unterhalb der Läsionshöhe – entscheiden. Hier einige Stimmen:
Laurent Bourdin
„Ich, Tetraplegiker (Lähmungshöhe C4 /5), hab mich an den Armen tätowieren lassen. Eigentlich kein Problem, aber Spastiken traten tatsächlich auf. Ich habe mit dem Tätowierer vereinbart bei den empfindlichen Stellen öfter mal kleine Pausen einzulegen, dann ging das. Und während der Heilungsphase habe ich darauf geachtet öfter und konsequent einzucremen.“
Reni Dengel
Reni Dengel ist Paraplegikerin. Sie hat mehrere kleine Tätowierungen, mit denen sie z. B. einschneidende Erlebnisse honoriert. Zudem hat sie den großen Vorteil eine Tattookünstlerin in der Familie zu haben. Sie sagt: „Möglicherweise heilt das Tattoo nicht so gut; es kommt da z.B. auch darauf an, ob man noch recht frisch verletzt ist. Und auch bestimmte Medikamente können einen Einfluss auf den Heilungsprozess und das Ergebnis – die Farben könnten z. B. verlaufen – haben. Das muss man abwägen oder warten, bis die Einnahme nicht mehr notwendig ist.“
Claudia Miler
Die mehrfach tätowierte Tetraplegikerin Claudia Miler erklärt ihre eigene Situation: „Komplikationen können sein, dass die Wundheilung schlechter ist, wegen der Durchblutung und weil das Bein vielleicht anschwillt durch Wassereinlagerungen. Dann ist in der Zeit auch nicht ratsam Kompressionsstrümpfe zu tragen. Starke Spastik können nicht nur während dem Tätowieren auftreten, sondern auch die Zeit danach. Erfahrungsgemäß kann das, wenn man mit Farbe sticht (zum Beispiel rot), noch stärker sein. Infektionsgefahr ist selbstverständlich immer vorhanden – wenn aber die Sensibilität völlig fehlt, muss man ganz genau darauf achten, wie sich alles verhält und sofort reagieren falls Schüttelfrost und Fieber auftreten.“

Gabor Schneider
Für Gabor Schneider sind Tätowierungen ein wichtiges Mittel zum Selbstausdruck: „Seit ich Tetraplegiker bin, habe ich mir schon viele Tattoos stechen lassen. Ich weiß, dass für manche Spastik ein Problem sein kann, aber die habe ich gar nicht. Die Heilung ist bei mir nicht schlechter als früher, aber ich rauche auch nicht und ernähre mich sehr eiweißreich.“
TheWheelLife
Tetraplegiker John erklärt in einem Video auf seinem youtube Kanal TheWheelLife (in englischer Sprache) auf was er achtet, wenn er sich ein neues Tattoo stehen lässt und was er Ersttätern empfiehlt.
Johns Tipps in Kürze
- Immer zuerst mit dem Tattookünstler sprechen und das Studio auf Hygiene und Barrierefreiheit überprüfen.
- Medikamente mit blutverdünnendem Effekt 48 Stunden vor dem Stechen des Tattoos absetzen. Dies immer zuerst mit dem behandelnden Arzt besprechen.
- Das Stechen unter- oder abbrechen, wenn eine autonome Dysreflexie auftritt.
- Plötzlich auftretende Spastik kann eine Tätowierung verunstalten. Manche Leute bringen Freunde mit, die sie festhalten, wenn ihre Gliedmaßen zu sehr zucken.
- Vor dem Stechen etwas proteinreiches essen und während des Stechens für ausreichend Flüssigkeit sorgen. Auf Alkohol und Koffein sollte man verzichten.
- Auf eine leere Blase achten und das Blasenmanagement mit einplanen.
- Ein Tattoo ist eine offene Wunde. Eine wunderschöne offene Wunde, aber eine offene Wunde. Sie kann auch im Nachhinein autonome Dysreflexie oder Spastik auslösen und auch die Wundheilung ist beeinflusst (siehe oben). Nach dem Stechen ist Hygiene das A und O. Den Anweisungen des Tätowierers muss man auf alle Fälle folgen, um Infektionen zu vermeiden.
- Ein Tattoo stechen zu lassen kann eine wertvolle Erfahrung sein. Genießt es!
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