Formen der Querschnittlähmung: Klassifizierung und Ausprägungen

Bei einer Querschnittlähmung sind Nervenbahnen im Rückenmark unterbrochen, die für die Bewegung (motorische Nerven) oder für Sinneswahrnehmungen (sensible Nerven) zuständig sind. Die Ausprägung einer Querschnittlähmung hängt davon ab, in welcher Höhe und in welchem Ausmaß das Rückenmark geschädigt ist. Man unterscheidet zwischen mehreren Formen der Querschnittlähmung: Paraplegie oder Tetraplegie, komplette oder inkomplette Lähmung, spastische oder schlaffe Lähmung.

Formen der Querschnittlähmung: Die Lähmungshöhe entscheidet über Paraplegie oder Tetraplegie.

1. Differenzierung Paraplegie und Tetraplegie

Die Wirbelsäule ist aus einzelnen Wirbeln zusammengesetzt, das darin liegende Rückenmark unterteilt sich in etwa ebenso viele neurologische Segmente. Aus jedem dieser Rückenmarkssegmente entspringen jeweils links und rechts Spinalnerven, die für Sensibilität und Bewegungsfähigkeit zuständig sind.

Von entscheidender Bedeutung für die Schwere der Verletzung und die funktionellen Einschränkungen ist die Höhe der Verletzung (Läsion) der Wirbelsäule bzw. des Rückenmarks. (Siehe auch Beitrag Querschnittlähmung: Der Einfluss der Lähmungshöhe). Die Grenze zwischen Paraplegie und Tetraplegie verläuft in Höhe des obersten thorakalen Segments (Th1):

Bei einer Paraplegie ist das Rückenmark auf Höhe der Brust oder Lendenwirbelsäule geschädigt. Untere Extremitäten und Anteile des Rumpfs sind von der Lähmung betroffen. Bei einer Tetraplegie liegt die Verletzung im obersten thorakalen Segment (Th 1) und höher. Arme, Beine und der Rumpf sind betroffen. Je höher die Läsion, desto größer die Einschränkungen an Armen und Händen (Koch, Geng, 2021).

2. Qualitative Unterscheidung

Wer verschiedene Formen der Querschnittlähmung definieren will, kann den Fokus auch auf qualitative Merkmale legen. Anhand des sogenannten ASIA Impairment Scale (AIS) der American Spinal Injury Association (ASIA) werden 5 Schädigungsgrade der Querschnittlähmung (A-E) unterschieden. (Siehe auch externer Link ASIA-ISCOS-IntlWorksheet_2019.pdf). Dabei wird häufig Bezug auf das „neurologische Niveau“ genommen. Dieses bezeichnet das tiefste Körpersegment, in dem Sensibilität und Motorik auf beiden Körperseiten noch uneingeschränkt vorhanden sind (Koch, Geng, 2021).

3. Unterscheidung komplette und inkomplette Lähmung

Ob ein Mensch komplett oder inkomplett gelähmt ist, wird durch Sensibilität und Muskelfunktion am Anus definiert. Spüren Betroffene Berührungen in diesem Körperbereich oder können dort willentlich den Schließmuskel bewegen, gelten sie als inkomplett gelähmt. Spüren sie nichts oder ist ihnen dies nicht möglich, gelten sie als komplett gelähmt.

Für die Klassifizierung ist es dabei unerheblich, ob diese Menschen noch über motorische Restfunktionen in den Beinen verfügen – einzig entscheidend ist die Frage, ob durch die Rückenmarksschädigung die Verbindung zwischen Gehirn und den untersten zwei Rückenmarkssegmenten, den Sakralsegmenten S4 und S5 (siehe Abbildung oben), unterbrochen wurde oder nicht (ASIA, 2022).

Dementsprechend gelten Menschen mit einer tiefen Rückenmarksverletzung, die eigenständig gehen, aber weder die Blase noch den Enddarm kontrollieren können und denen jegliche Sensibilität im Anus-Bereich fehlt, als komplett gelähmt.

Begriffsbestimmung


Mit Plegie (von altgriechisch plege = Wunde, Verletzung)wird der vollständige Funktionsausfall von Skelettmuskeln, bzw. Extremitäten bezeichnet Eine Parese (von altgriechisch páresis = Erschlaffung) bezeichnet einen Teilausfall der motorischen Funktionen von Muskeln, Muskelgruppen oder Extremitäten.

Andererseits gibt es Menschen mit hoher Tetraplegie, die praktisch vollständig auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind, jedoch aus oben genannten Gründen als inkomplett gelähmt gelten (Koch, Geng, 2021). Sie haben z. B. noch Gefühl am Anus.

Bei einer kompletten motorischen Lähmung (Plegie) und vollständiger Durchtrennung der Nerven an einer bestimmten Stelle des Rückenmarks fehlen Muskelkraft und Empfindungsvermögen von dieser Stelle an fußwärts. Bei einer inkompletten Lähmung (Parese) hingegen sind noch Restmotorik und/oder eine Restsensibilität vorhanden.

4. Schlaffe und spastische Lähmung

Eine weitere Möglichkeit, Formen der Querschnittlähmung zu definieren, ergibt sich durch die Unterscheidung zwischen schlaffer und spastischer Lähmung. Ausschlaggebend ist, welche Motoneurone geschädigt sind, die oberen oder die unteren. Die Motoneurone innervieren die Muskulatur und ermöglichen alle willkürlichen Bewegungen des menschlichen Körpers durch deren Aktivierung. Bildlich gesprochen kann man Motoneurone als „Kabel“ für Nervenimpulse zu den Muskeln sehen.

Man unterscheidet:

  • Obere Motoneurone (engl. upper motor neuron, UMN), die – im motorischen Zentrum der Großhirnrinde liegen und deren Axone im Rückenmark nach unten laufen.Dort werden sie auf die unteren Motoneurone umgeschaltet.
  • Untere Motoneurone (engl. lower motor neuron, LMN), sitzen im Rückenmark. Ihre Axone laufen über die  Spinalnerven,  verzweigen sich in periphere Nerven und innervieren die Skelettmuskulatur.

Eine Schädigung des ersten Motoneurons oder dessen Axons führt zu einer spastischen Lähmung, die als Upper Motor Neuron Lesion (UMNL) bezeichnet wird. Beim querschnittgelähmten Menschen zeigt sich die UMNL u.a.  in Form von gesteigerten, ungebremsten Reflexen und erhöhtem Muskeltonus, d.h. einer erhöhten Grundspannung der gelähmten Muskulatur sowie Muskelkrämpfen (Koch, Geng, 2021). Die Muskeln können nicht mehr willkürlich gesteuert werden, sondern agieren eigenaktiv, was bei starker Ausprägung den gesamten Alltag erschweren kann (siehe Beitrag Spastik als Folge einer Querschnittlähmung).

Ist das Rückenmark in einem oder mehreren Segmenten zerstört (und damit auch die dort liegenden zweiten motorischen Neuronen), spricht man von einer Lower Motor Neuron Lesion (LMNL). Diese hat eine schlaffe Lähmung zur Folge. Im gelähmten Körperbereich ist keine Muskelaktivität mehr nachweisbar (Koch, Geng, 2021).

LMNL und UMNL

Betroffenen begegnen die Fachbegriffe LMNL sowie UMNL hauptsächlich im Zusammenhang mit neurogenen Blasenfunktionsstörungen. Bei einer LMNL ist die Nervenverbindung zwischen Blase, bzw. Darm, und dem Miktionszentrum unterbrochen oder das Miktionszentrum ist zerstört. Die Folge: Blase bzw. Darm füllen sich, bleiben aber schlaff und müssen manuell oder mit Hilfsmitteln entleert werden (siehe auch Lower Motor Neuron Lesion (LMNL). Bei einer UMNL ist das sakrale Reflexzentrum, das für die Steuerung der Darm- und Blasenfunktion zuständig ist, noch intakt. Reflexe (z.B. Analreflex oder reflexgesteuertes Zusammenziehen der Blase), sind weiterhin vorhanden. Sie können aber wegen der Schädigung von Nerven oberhalb von S3 bis S5 vom Hirn nicht adäquat verarbeitet werden. Die Meldung, dass Blase oder Darm voll sind, führt zu einer reflexartigen Entleerung. Willentliche Steuerung ist nicht mehr möglich (siehe auch Upper Motor Neuron Lesion (UMNL). Mit Hilfe eines Blasen- und Darmmanagements kann diesen unkontrollierten Entleerungen entgegengewirkt werden.

5. Unterscheidung nach Ursache

Wer Formen der Querschnittlähmung betrachtet, kann sein Augenmerk auch auf die Ursachen legen. Querschnittlähmungen können krankheitsbedingt, unfallbedingt oder angeboren sein. Bei einer angeborenen Querschnittlähmung (Spina bifida, MMC) kommt es in der embryonalen Phase zu Missbildungen der Wirbelsäule und des darin liegenden Rückenmarks (siehe auch Beitrag Spina bifida – Angeborene Querschnittlähmung).

Bei unfallbedingten (traumatischen) Querschnittlähmungen liegt die Ursache meist in Verletzungen der Wirbelsäule durch Unfälle oder Stürze. Der Druck auf das Rückenmark führt letztlich zur Schädigung von Nerven mit der Folge einer Lähmung. Selten kommt es zur völligen Unterbrechung der Nervenbahnen. Den größten Anteil machen inzwischen krankheitsbedingte Querschnittlähmungen aus, die durch Druck auf das Rückenmark entstehen oder direkt im Rückenmark verursacht werden. Ursachen können u.a. Tumore, Metastasen, Infektionen, Rückenmarksinfarkte, Bandscheibenvorfälle oder Wirbelbrüche aufgrund von Osteoporose sein (für weiterführende Informationen siehe auch Beitrag Ursachen für eine Querschnittlähmung).


Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Dr. Hans Georg Koch für die fachliche Unterstützung!


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