Dekubitus-Behandlung bei Querschnittlähmung

Eine der häufigsten Komplikation, zu der es bei Querschnittlähmungen kommen kann, sind Dekubitus (auch: Druckgeschwüre bzw. Druckstellen). Ihre Behandlung erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen und kann sehr langwierig sein.

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Der Entstehung von Druckgeschwüren sollte sorgfältig und konsequent vorgebeugt werden, denn wenn sie erst einmal vorhanden sind,  bringen sie erhebliche Einschränkungen für den Betroffenen mit sich und bergen Risiken (z. B. Blutvergiftungen), die unter Umständen lebensbedrohlich sein können (Benedikt/et al., 2012).

Interdisziplinäre Behandlung notwendig

Wenn sie erst einmal entstanden sind, erfordert eine erfolgreiche Dekubitusbehandlung eine interdisziplinäre Vorgehensweise, da die Therapie auf sechs wesentlichen Behandlungsprinzipien beruht:

  1. Druckentlastung
  2. Wundbehandlung (Wundreinigung)
  3. Wundkonditionierung
  4. Behandlung der Risikofaktoren
  5. Operative Maßnahmen
  6. Prophylaxe

Je nach Grad der Ausprägung des Dekubitus (vgl. Dekubitus-Entstehung) genügt eine konservative Behandlung bzw. ist ein chirurgischer Eingriff zusätzlich notwendig.

1. Druckentlastung

Unabhängig vom Grad der Ausprägung ist eine Druckentlastung der erste und wichtigste Schritt der Dekubitus-Behandlung, da sie zu einer sofortigen Wiederherstellung der Mikrozirkulation und damit zu der zur Heilung notwendigen Verbesserung der Sauer- und Nährstoffversorgung der Haut führt. Die Druckentlastung erfolgt durch verschiedene Lagerungstechniken. Hierzu gibt es eine ganze Reihe von Lagerungssystemen und -hilfen, wie z. B. Schaumstoffkissen für die Lagerung und Polsterung der Gliedmaßen oder für die Lagerung auf dem Bauch und Keile für die 30-Grad-Seitenlagerung (Zäch/Koch, 2006). Mit dem Einsatz dieser Hilfen wird eine möglichst großflächige Druckverteilung erzielt. Das Freilagern von Körperregionen ist nur dann sinnvoll, wenn dadurch keine anderen Körperstellen zusätzlichem Druck ausgesetzt sind (IGAP, 2013).

Weichlagerungssysteme (z. B. Superweichmatratzen aus Schaumstoff) finden Anwendung bei sichtbaren Dekubituszeichen nach relativ kurzer Druckeinwirkung und nach chirurgischen Maßnahmen der Dekubitusbehandlung. Bei stark ausgeprägtem Dekubitus oder unmittelbar nach einer plastischen Deckung, werden Luftmatratzen mit Wechseldrucksystem oder Luftbetten mit Kammersystemen eingesetzt, die auf das individuelle Gewicht des Einzelnen eingestellt werden können. Der Auflagedruck (unter 20 mm Hg) wird bei diesem System soweit reduziert, dass die Mikrozirkulation nicht mehr abgeschnitten wird.

2. Wundbehandlung

Der nächste Schritt ist die lokale Wundbehandlung, wobei die Maßnahmen der Behandlung nach den Stadien der Wundheilung ausgerichtet sind. Bei Stufe I ist keine spezielle Wundbehandlung erforderlich. Erst ab Stufe II sind offene Wunden und/oder Nekrosen vorhanden, was den Einsatz von Wundauflagen (bei Stufe II) und ein Wunddebridement, d. h. die Entfernung des abgestorbenen Gewebes, u. a. um eine Epithelisierung zu ermöglichen und zur Vermeidung von Wundinfektionen (bei Stufe III-V), notwendig macht. Ab einer Ausprägung von Stufe III erfolgt das Wunddebridement operativ (im Operationssaal), wobei der Wundrand in einem ausreichenden Abstand im gesunden Gewebe umschnitten und die Nekrose entfernt wird. Eine sofortige plastische Deckung findet zunächst nicht statt (Zäch/Koch, 2006).

3. Wundkonditionierung

Die Wundheilung setzt sich aus drei ineinander übergreifenden Phasen zusammen, in denen 1. Bakterien, Zelltrümmer und Schmutzpartikel ausgeschwemmt werden (Reinigungsphase), sich 2. Zell- und gefäßreiches Bindegewebe bildet (Granulationsphase) und schließlich 3. Granulationsgewebe in widerstandsfähigeres Narbengewebe umgewandelt wird und eine Wundkontraktion stattfindet (Epithelisierungsphase) (Pohlmann, 2012).

Ziel der Wundbehandlung bei Dekubitus (und auch allen anderen chronischen Wunden) ist es, die Wunde vor schädigenden Einflüssen zu schützen und ein optimales Wundklima zu schaffen, um die Neubildung von Gewebezellen (Granulation und Epithelisierung) zu gewährleisten. Hierzu sind Sauerstoff, Körperwärme und Feuchtigkeit wichtige Voraussetzungen (Zäch/Koch, 2006). Im Zuge dieser feuchten Wundbehandlung werden Verbände eingesetzt, die während der Reinigungsphase Blut und Exsudat rasch aufnehmen. Keime, Zelltrümmer und Fremdkörper werden so beim vier bis sechs Mal täglichen Verbandswechsel aus der Wunde entfernt. Auf diese Weise werden nicht nur die körpereigenen Reinigungsmechanismen unterstützt, sondern auch die Infektionsgefahr vermindert und eine Aufweichung von Wundrand und Wundumgebung verhindert. (Pohlmann, 2012) In der Granulationsphase wird Wundverband angelegt, der einem Verkleben der Wundoberfläche vorbeugt und überschüssiges Exudat aufgesaugt, ohne die Wunde auszutrocknen. In der Ephitelisierungsphase muss der Verband das neue, empfindliche Gewebe schützen, ein Verkleben der Wunde verhindern und den Wundgrund feucht halten (Pohlmann, 2012).

Verbandarten


Spezielle Verbandarten und -materialien stehen bei der Dekubitus-Behandlung zur Verfügung: Hydrokolloidverbände, Folien und adhäsive Schaumstoffverbände können die Wunde so verschließen (Okklusion), dass ein feuchtes Milieu im Wundgrund entsteht und der Sauerstoffgehalt im Gewebe sinkt. Zudem fördert diese Methode den Abbau von Wundbelägen. Der Wundgrund muss immer mit dem Deckverband in Kontakt stehen, wofür Wundfüller, wie Hydrofasern oder Alginate als Füllmaterial eingesetzt werden, die sowohl Flüssigkeiten binden, als auch das feuchte Milieu erhalten.

Im Anschluss an eine chirurgische Ausreinigung (Debridement) kann bei stark ausgeprägtem Dekubitus ein Vakuumverband eingesetzt werden. Durch den stetigen oder zeitweiligen Sog wird die Durchblutung des Wundgebiets angeregt, die Bildung von Granulationsgewebe beschleunigt, die Bakterienvermehrung gehemmt und eine stetige Wunddrainage gewährleistet. Zudem schützt er die Wunde vor Verschmutzungen (Zäch/Koch, 2006).

Da ein Dekubitus sehr anfällig für Infektionen ist, ist eine ausreichende Sauerstoffzufuhr notwendig. Zudem kann eine infizierte Wunde mit einer 0,9% Natriumchloridlösung bzw. Ringerlösung behandelt werden oder mit einem Antiseptikum, bis die Entzündung abgeklungen ist und sich ein sauberes, hellrotes Gewebe in der Wunde zeigt (IGAP, 2013).

4. Behandlung der Risikofaktoren

Chronische Wunden können nur dann erfolgreich behandelt werden, wenn die Ursache klar erkannt ist. Da sich die offensichtlichen Risikofaktoren bei Menschen mit Querschnittlähmung kaum beseitigen lassen, muss man sich bei der Behandlung von Druckstellen verstärk auf die sekundären Faktoren konzentrieren. (Vgl.: Prävention von Dekubitus)

Begleiterkrankungen wie Pneumonie und Herzinsuffizienz führen zu einer verminderten Sauerstoff- und Nährstoffversorgung von Zellen; ebenso wie Diabetes mellitus, starkes Übergewicht und chronische Kreislauferkrankungen. Diese eventuellen Erkrankungen müssen behandelt und bestenfalls ein Zustand erreicht werden, in dem Dekubitus-fördernde Medikamente nicht mehr notwendig sind. Da Nikotinkonsum ebenfalls eine Sauer- und Nährstoffunterversorgung mit sich bringt, sollte auf das Rauchen (siehe: Rauchen und Querschnittlähmung) komplett verzichtet werden.

Neben dieser Einschränkung der Risikofaktoren müssen auch begünstigende Voraussetzung für die Wundheilung geschaffen werden. Entscheidend trägt hierzu eine optimal angepasste Ernährung bei. Wichtig für die Wundheilung sind die Mineralstoffe Natrium, Calcium, Kalium, Phosphor, Chlor (IGAP, 2013) und Zink, die B-Vitamine – vor allem Folsäure (Vitamin B9) und Cobalamin (Vitamin B12) und Proteine. Man geht davon aus, dass im Rahmen einer Dekubitusbehandlung bzw. –prophylaxe der tägliche Bedarf an Protein (Eiweiß) bei 1,2 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht liegt. Zudem wird empfohlen Omega-3-Fettsäuren mit in die Ernährung aufzunehmen. (Siehe: Ernährungsempfehlungen bei Dekubitus) Einer Mangel- bzw. Unterernährung muss unter allen Umständen entgegengewirkt werden, da nicht nur die fehlende Nährstoffversorgung die Wundheilung negativ beeinflusst, sondern der Polstereffekt des subkutanen Fettgewebes entfällt (Zäch/Koch, 2006).

5. Operative Maßnahmen

Ab einer Ausprägung ab Stufe III können operative Eingriffe in Betracht gezogen werden.

6. Prophylaxe

Bei der Prophylaxe stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, von denen die wichtigste eine konsequente Druckentlastung ist. Merke: „Man kann alles auf den Dekubitus legen. Nur nicht den Patienten.“

Für mehr Informationen siehe: Prävention von Dekubitus


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