Abnehmen bei Querschnittlähmung: Sechs Durchhaltestrategien

Dass sie abnehmen sollten, wissen vermutlich alle querschnittgelähmten Menschen, die ein paar Kilo zu viel spazieren fahren. Und sie wissen vermutlich auch, dass eine Gewichtsreduktion ihrem Körper sehr guttun würde. Aber dieses Wissen allein macht noch keine schlanke Taille. Der-Querschnitt.de hat die Ernährungsberaterin Claudia Hess um Starthilfe und Durchhaltetipps für Abnehm-Willige gebeten.

Motivationsstrategien helfen beim Maß-Halten

Hess ist Diätassistentin und Ernährungsberaterin/DGE. Seit Jahren begleitet sie im Beratungszentrum der Manfred-Sauer-Stiftung Menschen mit Querschnittlähmung, die ihr Gewicht regulieren oder die Ernährung umstellen wollen.

Menschen, die dauerhaft im Rollstuhl unterwegs sind, haben es ihrer Erfahrung nach besonders schwer, ihr Gewicht zu halten oder abzunehmen. „Ein wichtiger Punkt ist natürlich der veränderte Stoffwechsel mit seinem im Vergleich zu Fußgängern geringeren Energiebedarf, man muss als querschnittgelähmter Mensch einfach mehr auf seine Ernährung achten“. (Siehe Beitrag Ernährung und Energiebedarf bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de).

Viele kommen zudem aus „ihrem Tief, aus dieser Spirale nicht heraus. Sie wissen schon ewig, dass sie abnehmen müssen, aber sie schaffen es irgendwie nicht, damit anzufangen.“ Nicht wenige würden relativ isoliert leben, wegen der Schwere ihrer Behinderung und/oder aufgrund von Krankheiten das Haus kaum noch verlassen: „Da ist einerseits der große Frustfaktor, dass die Transfers wegen des wachsenden Körpergewichts immer beschwerlicher werden. Das Ganze potenziert sich: Wer nicht mehr so mobil ist wie früher, hat noch viel weniger Chancen, sich abzulenken oder zu bewegen. Aber den Weg zur Küchenschublade mit den Süßigkeiten oder den Salami-Sticks schaffen die meisten dann doch noch“.

„Aus dieser Spirale auszubrechen, ist das Ziel“, sagt Hess. „Es geht nicht nur um die Menge der Butter auf dem Brot, sondern auch darum, alte Gewohnheiten durch neue Routinen zu ersetzen. Das ist ein mitunter sehr langwieriger Prozess. Wer sich 30 Jahre falsch ernährt hat, darf nicht erwarten, dass sich in 30 Tagen alles ändert.“

Step 1: Das Wichtigste zuerst: Die Belohnungen festlegen

Ein Wellness-Tag, ein Besuch beim Friseur, ein Ausflug, vielleicht ja sogar ein Essen in dem schicken Restaurant, das man sich bisher nie gegönnt hat, weil die Portionen so übersichtlich sind … der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bevor die eigentliche Arbeit am Gewicht beginnt, sollte man sich überlegen, welche Erfolge man in welcher Zeit erreichen will (siehe Step 4) und mit welcher Belohnung man sich selbst auf die Schulter klopfen kann, wenn man das Ziel tatsächlich erreicht hat. Konkrete Belohnungen motivieren und helfen dabei, bei der Stange zu bleiben, wenn der Butterkeks ruft.

Step 2: Einfach machen

Der Weg zwischen dem ersten Gespräch mit der Ernährungsberaterin und dem tatsächlichen Beginn der Ernährungsumstellung kann sehr, sehr, sehr weit sein. Manche kommen nie am Startpunkt ihrer Diät an. Da hilft nur eins: Einfach mal anfangen, ohne große Aufschieberitis. Nicht morgen, sondern heute – oder an einem klar fixierten Termin.

„Man muss sich bewusst sein, dass man wirklich abnehmen will und soll“, sagt Hess. Dabei sei es sehr hilfreich, sich zu öffnen und den vorgeschlagenen Maßnahmen tatsächlich eine Chance zu geben. „Wer jeden Vorschlag in den Wind schlägt, hat zwar weiterhin ein bequemes Leben. Aber am Gewicht wird sich nichts ändern – zumindest nicht nach unten.“

Step 3: Routinen hinterfragen

Abnehmen beginnt im Kopf. Am Anfang rät sie ihren Patienten daher, sich genau zu überlegen, vielleicht auch aufzuschreiben, wann sie nicht aus Hunger, sondern aus Frust, Langeweile oder als Übersprunghandlung essen. „Dann gilt es, sich selbst Ersatz-Routinen zu suchen, um diese Heißhunger-Momente zu entschärfen.

Einige Vorschläge, die sich bewährt haben:

  • Immer erst ein Glas Wasser trinken, bevor man etwas isst. Dieser Trick wird „Preloading“ genannt – der Magen wird vor der eigentlichen Nahrungsaufnahme „vor-gefüllt“, man isst weniger. Querschnittgelähmte Menschen schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe, denn sie tun gleichzeitig dem für ihr Darm- und Blasenmanagement so wichtigem Flüssigkeitshaushalt etwas Gutes. (Siehe Beitrag Richtig trinken bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de.)
  • Sich nach dem Heimkommen oder während des Tages bewusste kurze Pausen gönnen, das nimmt den Druck aus dem Alltag und kann die nächste Heißhungerattacke hinauszögern.
  • Erst denken, dann zubeißen: Warum will ich gerade jetzt etwas essen? Brauche ich die Kekse wirklich? Oder ist es nur Gewohnheit? Und falls ich wirklich etwas Süßes brauche – gäbe es nicht eine weniger kalorienintensive Variante? Würde einer statt drei Keksen reichen?
  • Falls es um den Genuss geht: Kann ich mir andere Genussmomente schaffen, in dem ich Musik oder einen Podcast höre oder endlich das Bild weitermale?
  • Ablenkung ist immer gut, nur nicht während des Essens: Diese Zeit sollte ganz allein dem Schmecken, Riechen und Kauen gehören. Das heißt: Fernseher und Handy bleiben aus, Buch und Zeitung zu. Nur so kann man bewusst kauen und genießen.

    Step 4: Möglichst kleine Ziele setzen

    Viele Abnehm-Willige scheitern, weil die Gewichtsreduktion ein sehr langwieriger Prozess ist, gerade bei Querschnittlähmung, die häufig mit geringerem Energiebedarf und weniger Bewegung einhergeht. Bleiben die schnellen Erfolge aus, besteht die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen („Heute gönne ich mir mal was!“). Die Ausnahmen haben die Tendenz, sich flott und ungebremst zu vermehren – und „ganz schnell stimmt dann die Tagesbilanz einfach nicht mehr“, so Hess.

    Deshalb setzt die Ernährungsberaterin auf möglichst kleine Etappenziele, die man tatsächlich erreichen kann. Zu Beginn darf man bei ihr auch guten Gewissens auf seinem aktuellen Gewicht verweilen. „Man kann durchaus stolz darauf sein, dass man nicht noch weiter zugenommen hat, sondern sein Gewicht gehalten hat“, rückt die Ernährungsberaterin überzogene Erwartungshaltungen zurecht.

    Generell sollten man nicht das große 10-Kilo-Paket anvisieren, sondern sich vornehmen, ein, maximal zwei Kilo pro Monat zu verlieren. „Alles andere ist unrealistisch und trägt die Gefahr in sich, dass ein Jo-Jo-Effekt eintritt: Man nimmt schnell ab und genauso schnell nimmt man wieder zu“, sagt Hess.

    Aber natürlich darf auch das große Endziel visualisiert werden: Zum Beispiel mit dem einen Foto aus dem Urlaub 2012, auf dem man genau so ausgesehen hat, wie man heute gerne wieder aussehen würde. Zumindest, was die Figur betrifft, gegen die allgemeinen Alterserscheinung hilft die beste Diät nichts.

    Step 5: Fortschritte greifbar machen

    Die Gewichtsreduktion ist also ein langwieriger Prozess. Vielen fällt es schwer, motiviert zu bleiben – Menschen mit einer kompletten Querschnittlähmung müssen sogar noch mehr Durchhaltevermögen zeigen als andere, denn ein wichtiger Motivationsfaktor fehlt ihnen: Der regelmäßige Gang auf die Waage. Wer permanent im Rollstuhl sitzen muss, und sich wiegen will, hat keine andere Wahl, als sich eine Waage in einer Postfiliale oder ähnlichem zu suchen, was immer mit Aufwand verbunden ist (siehe Beitrag Wie wiegen sich Rollstuhlfahrer? – Der-Querschnitt.de). 

    Die gebräuchliche andere Methode, den Bauchumfang mit einem Maßband oder einer Schnur zu kontrollieren, hat ebenfalls ihre Tücken: Wer zu Blähungen neigt (was über 60% der Querschnittgelähmten tun), wird kaum aussagekräftige Messergebnisse erhalten, denn die hängen von der Tagesform seines Darms ab (siehe Beitrag Sechs Wege zur Vermeidung von Blähungen bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de).

    Für alle anderen ist die Messmethode eine feine Sache, mit der sich gut dokumentieren lässt, ob und wie viel man tatsächlich am Bauch abgenommen hat. Denn um den Bauchumfang geht es beim Abnehmen bei Querschnittlähmung: Hier sitzen das Fett und das Gewicht, das die Transfers beschwerlich machen und den Organismus belasten (siehe Beitrag Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung – Der-Querschnitt.de). Der Bauch muss weg, die Muskelmasse sollte bleiben.

    Wer weder wiegen noch messen kann, muss kreativ werden und eine Lösung finden, die zu ihm passt: Zum Beispiel eine Fotoserie (als uncharmante Seitenansicht aufgenommen). Oder den Schnürsenkel-Trick: Wenn ich mich nach vorne beuge und versuche, an die Schnürsenkel zu kommen – wieviel Bauch ist da noch dazwischen? Solche Lösungen sind zwar ebenfalls abhängig vom Ausmaß eines eventuellen Blähbauchs – aber eine Tendenz lässt sich vermutlich erahnen. Manchmal genügt auch ein ehrlicher Blick in den Spiegel …

    Step 6: Stolz sein und sich belohnen

    Wenn Pfunde und Zentimeter purzeln, sollten man das gebührend feiern – mit einer der Belohnungen, die man sich ganz zu Beginn des Weges ausgedacht hat. Denn die hat man sich wirklich verdient.


    Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch medizinische Fachpersonen.
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